Amerika
Die USA sind voller Widersprüche. Dennoch geben sie weltweit den Takt an - und provozieren gemischte Gefühle.
Briefe
Marc-André Ansermoz verschaffte sich Luft. In einem Leserbrief an die " Basler Zeitung " fragte der Psychologiestudent: "Warum kuscht jeder Staat vor den USA? " Stein seines Anstosses: " Die selbsternannte Weltpolizei USA verstrickt sich mehr und mehr in Widersprüche. " Denn wo liege - so Ansermoz - der Unterschied zwischen dem Vorgehen der Russen im Tschetschenienkrieg und dem Handeln der Amerikaner im Kosovo ? Und wie kann ein Staat sich Menschenrechte und individuelle Freiheit auf die Fahne schreiben und selber einen knüppelharten Strafvollzug mit Todesstrafe dulden ? Dass sich die USA dagegen wehren, das Mindestalter für Soldaten auf 18 Jahre anzuheben, führt Ansermoz zum Schluss: " Schizophren, mit 16 alt genug, um fürs Vaterland zu sterben, aber bis 21 zu jung, um Alkohol zu trinken ! " Derlei Widersprüche à l?américaine sind in den letzten Monaten wieder vermehrt ins Bewusstsein der Öffentlichkeit geraten. Der Kampf ums Präsidentenamt hat eine Vielzahl von Analysen zu Amerika ausgelöst. So unterschiedlich ihre Aussagen und ihre Themen - Einigkeit herrscht, dass dem amerikanischen Traum und seiner Umsetzung in den Alltag nicht einfach beizukommen ist. Zu vielfältig zeigt sich die einzig verbliebene Supermacht, zu erfolgreich ihr Gesellschaftsmodell, um es widerspruchslos zu kritisieren. Die USA scheinen mehr Fragen auszulösen, als Antworten zu geben. Eine davon: " Ist Amerika verrückt ? " Sie wurde im Vorfeld der Wahlen von prominenter Seite gestellt: Fredy Gsteiger, Chefredaktor der "Weltwoche ", wendete sich damit in einem offenen Brief an seinen Amerikakorrespondenten. Und schob gleich noch die Sorge hinterher: " Haben wir dem Kraftpaket Amerika nichts entgegenzusetzen als dämliche Kritik ? "
Kraftpaket
Die Vereinigten Staaten haben in den letzten zehn Jahren ein Wirtschaftswunder hervorgezaubert. Das Resultat: Sie betreiben die stärkste Volkswirtschaft, haben eine Arbeitslosenquote in Rekordtiefe und eine bis vor kurzem minime Inflation. Kein Wunder, ist der Dollar die Weltwährung schlechthin; 83 Prozent aller Devisengeschäfte rund um den Globus werden in der amerikanischen Währung abgewickelt. Fast beliebig liessen sich Beispiele aus Schlüsselbereichen der Wirtschaft aufreihen, welche das amerikanische Kraftpaket in schillerndem Licht präsentieren. Seit 1990 haben ausländische Investoren rund 930 Milliarden Dollar in die amerikanische Wirtschaft gepumpt. Kein anderes Land lockt derzeit mit derartigen Wachstumsversprechen. Und der Sog nach Amerika hält an; im Jahr 2000 ist die Zahl der Übernahmen von amerikanischen Firmen durch europäische Unternehmen erneut um 20 Prozent gestiegen; die Europäer legten bei 453 Deals 224 Milliarden Dollar auf den Tisch. Eine Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG nennt dafür die Gründe: Immer mehr Unternehmen betrachten eine Marktpräsenz in den USA als unumgänglich, um als global agierende Gesellschaft ernst genommen zu werden. Im letzten Jahr listete die amerikanische Tageszeitung " USA Today " einigeIndikatoren auf, welche die eigene volkswirtschaftliche Fitness aufzeigten: Von den zehn weltweit wertvollsten Brands sind neun " made in the US" - angeführt von Coca-Cola, Microsoft und IBM. Weniger erdrückend sieht das Bild bei den Top-Investment-Banken aus; vier von zehn laufen unter amerikanischer Flagge. Die ersten vier Plätze sind aber auch hier in amerikanischer Hand. Und schneidet das öffentliche Schulsystem der USA im internationalen Vergleich mittelmässig ab, so gehören die Elite-Universitäten zu den eigentlichen Schrittmachern der globalen Managerkultur. Acht der zehn Top-Business-Schulen sind in den Vereinigten Staaten domiziliert. Und im Zukunftsmarkt Software-Produktion geben die Amerikaner noch unmissverständlicher den Takt an: Nur gerade zwei japanische Anbieter schafften es in den Olymp der erfolgreichsten Software-Firmen; die restlichen acht sind Amerikaner. Klar auch, dass die USA im Geschäft mit dem Internet und dem Hightech die Nase vorne haben. Mit von der Partie sind Amerikas Anlegerinnen und Anleger: Heute ist, laut dem Nachrichtenmagazin " Spiegel ", fast ein Drittel des amerikanischen Börsenkapitals in Hightech-Firmen angelegt, die vor 20 Jahren noch nicht existierten. Viele kleiner Start-ups profitierten von reichlich fliessendem Risikokapital; allein 1999 stieg das eingesetzte Venture Capital um 150 Prozent auf 35,6 Milliarden Dollar. Noch in den Siebziger- und Achtzigerjahren sah es kaum nach einer amerikanischen Erfolgsstory aus. Pleiten, Rezession, Inflation und Arbeitslosenquoten von zehn Prozent nagten an der Moral. " Die Zukunft, so konstatierten selbst glühende Patrioten, gehörte den Europäern und Japanern mit ihren modernen Produktionsbetrieben, eifrigen Arbeitern und ehrgeizigen Forschern ", so der " Spiegel ". Die Krise setzte Energie frei. Einer der Treiber war Ronald Reagan mit seinen Beraterteams. Sie glaubten an den freien Markt und Steuersenkungen. Milliarden flossen in die Forschung; davon profitierte auch die Computerindustrie. Telekommunikation, Finanzindustrie, Software-Produzenten, aber auch die Biotechnologie schufen Millionen neuer Jobs. Jobs, die in anderen Bereichen vernichtet wurden. Schätzungen besagen, dass durch die Umwälzungen 50 Millionen Arbeitsplätze verloren gingen und 80 Millionen neue entstanden seien. Grossunternehmen wie IBM kappten Zehntausende von Stellen. Derweil tüftelte eine neue Unternehmergeneration in Garagen und Hinterhöfen an den technologischen Grundlagen der " New Economy ". Unter Bill Clinton konnte die Ernte eingefahren werden. " Die Sanierung des Bundeshaushalts, der Pioniergeist der Amerikaner, die Qualität der Forschung an den amerikanischen Spitzenuniversitäten und die oft knallharte Restrukturierung der amerikanischen Unternehmen in den Neunzigerjahren sind Faktoren, welche die Vormachtstellung der USA gesichert haben ", sagt Cédric Spahr vom Economic Research der Credit Suisse In Sachen Wettbewerbsfähigkeit sind die Amerikaner heute unbestrittene Nummer eins. Das attestiert ihnen auch das renommierte International Institute for Management Development in Lausanne: Aufgrund von rund 260 Kriterien zu Internationalisierung, Regierungssystem, Infrastruktur oder Wissenschaft und Technologie untersucht das Institut die Wettbewerbsfähigkeit verschiedener Länder.
Gewinner/Verlierer
" Amerika ist seit seiner Gründerzeit eine Erfolgsgeschichte ", sagt Rudolf Stamm, seit anderthalb Jahren Korrespondent der " Neuen Zürcher Zeitung " in Washington. "Auch wenn in der Erfolgsgeschichte immer wieder düstere Kapitel auftauchen wie etwa die Sklaverei und die noch nicht beseitigte Rassendiskriminierung." Für den Politbeobachter ist klar: Eine Schlüsselfunktion im amerikanischen Wirtschaftswunder haben die enormen Investitionen in die Forschung und Entwicklung. Amerikanische Universitäten sind Traumdestination für Tausende von Studenten und Forschern aus der ganzen Welt. Das zementiert die amerikanische Vormachtstellung. " Auf diese Weise haben die USA in den letzten zehn Jahren einen Grossteil der Nobelpreise für Physik (19 von 26), Medizin (17 von 24) und Chemie (13 von 22) einheimsen können ", schreibt " Le Monde Diplomatique ". Und 1999 lag das Bruttoinlandprodukt der Vereinigten Staaten mit 8683 Milliarden Dollar sechsmal so hoch wie in Frankreich. "Die New Yorker Börse fungiert als globales Finanzbarometer ", so " Le Monde Diplomatique " weiter, " jeder Schluckauf der Wall Street lässt gleich die ganze Weltwirtschaft erzittern." Der Strukturwandel verlief in einem atemberaubenden Tempo. Nicht alle konnten mithalten. Die geistige und wirtschaftliche Elite und die Mittel- und Unterschicht driften auseinander; das verursacht Probleme. " Im Wahlkampf waren sich Bushs wie Gores Lager denn auch einig, dass es dem entgegenzuwirken gilt ", betont Amerikakorrespondent Stamm. Vielen Amerikanern geht es so gut wie nie zuvor. Das durchschnittliche Jahreseinkommen liegt bei 40 900 Dollar - ein Rekord. Selbst die Armutsrate ist mit 11,8 Prozent auf dem tiefsten Stand seit 21 Jahren. Amerikanische Firmen lassen sich diesen Erfolg etwas kosten. "Wir zahlen unseren CEOs tausendmal mehr als einem Arbeiter, weil wir in den USA nichts gegen Gewinner haben ", zitiert "USA Today " Ted Snyder von der Business School der University of Virginia. " Das fördert das Eingehen von Risiken und zelebriert die Gewinner- Mentalität." Derweil ein CEO in Westeuropa ein Jahressalär von durchschnittlich 590000 Dollar nach Hause trägt, verdienen ihre amerikanischen Kollegen 1,4 Millionen Dollar im Schnitt. Doch es gibt eine Kehrseite der Medaille. Das Vermögen der reichsten Familien steigt, während die Mittelklasse im wachsenden Schuldenberg erstickt. 74 Prozent der Amerikanerinnen und Amerikaner erachten es als dringlichste Aufgabe der Regierung, die Kluft zwischen Arm und Reich zu überwinden. " Heute verdienen rund 60 Prozent der Amerikaner real nicht mehr als vor 20 Jahren ", schreibt der " Spiegel ". Die Kursgewinne aus dem Internet-Boom fliessen in die Taschen der oberen fünf Prozent der Haushalte, auch wenn die " New Economy " täglich 700 neue Millionäre aus dem Hut zaubert. Nach der Pensionierungswelle der Baby-Boomer-Generation in rund 15 Jahren wird die staatliche Rentenversicherung zahlungsunfähig. Und an der Reform des Gesundheitswesens beissen sich die Politiker die Zähne aus. " 41 Millionen Amerikaner können es sich nicht leisten, krank zu werden, weil sie weder eine staatliche noch eine private Krankenversicherung haben ", kommentiert " Die Woche ". Über steigende Obdachlosigkeit und Misere täuschen auch Statistiken nicht hinweg.
Text: Christian Pfister "Aus dem Bulletin der Credit Suisse"