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Beatrice Rodenstock - Die fünfte Generation geht eigene Wege

Rodenstock steht für qualitativ hoch stehende Brillengläser und Brillenfassungen. Seit 1878. Randolf Rodenstock, Vertreter der vierten Generation, ist seit 2003 Vorsitzender des Aufsichtsrats. Um den Kapitalbedarf zu decken, hatte er das Unternehmen für familienfremde Gesellschafter geöffnet.

Heute beschäftigt Rodenstock weltweit rund 4300 Mitarbeitende und erzielte 2006 einen Umsatz von über 370 Millionen Euro. Beatrice Rodenstock, Tochter von Randolf Rodestock, ist geschäftsführende Gesellschafterin der Unternehmensberatung NaviGet GmbH in München. Ein Testimonial, aufgezeichnet von Andreas Schiendorfer.

Als Kind war es nicht einfach, den Namen Rodenstock zu tragen. Mit diesem Namen waren in München spezielle Erwartungen verbunden. Man stand unter Beobachtung, musste eine Vorbildfunktionerfüllen und einem Leistungsdruck standhalten. Dem wurde ich damals nicht ganz gerecht - ich war eine "normale" Schülerin und wollte möglichst nicht auffallen. Mein Grossvater, der das Unternehmen bis 1990 leitete, war wohl ein bisschen enttäuscht, dass ich "nur" ein Mädchen war. Für meinen Vater war es gewöhnungsbedürftig - vor allem auch, weil ich ihm, dem Naturwissenschafter, nicht die richtigen Fragen stellte: Wie funktioniert eine Uhr ? Wieso sieht man mit einer Brille besser ? Was macht den Himmel blau? Einen Zwang, ins Familienunternehmen einzusteigen, übte mein Vater nie auf mich aus. Seine Devise lautete: Es muss nicht sein, aber wenn, dann in einer leitenden Funktion, mit Qualitäten, über die der beste externe Bewerber für eine solche Stelle ebenfalls verfügen würde. Damit schraubte er die Erwartungen extrem hoch: So studierte ich erst einmal, was mich wirklich interessierte: Soziologie. Daneben jobbte ich, ein gewisser Unabhängigkeitsdrang war stets vorhanden. Vorbild dafür war auch meine Mutter. Sie bewahrte sich immer eine gewisse Unabhängigkeit durch ihre Tätigkeit als Psychotherapeutin. Aber natürlich prägte das Unternehmen unser Leben. Mein Vater konnte zu Hause nie ganz abschalten, es gab viele Repräsentationspflichten, aber auch angenehme Inspektionsreisen zu den Auslandfilialen ...

Daneben gab es schwierige Momente. Mein Grossvater hat 13 Jahre lang als Patron zusammen mit meinem Vater die Firma geleitet.Danach war es für meinen Vater schwierig, eine modernere Firmenkultur zu etablieren. Auch war es unumgänglich, in Deutschland Personal abzubauen und die Produktion inklusive der Zahl der Arbeitsplätze im Ausland zu erhöhen. Die Entscheide waren richtig, das Unternehmen würde sonst nicht mehr existieren. Trotzdem ist es für einen Familienunternehmer belastend, Mitarbeitende, die ihm ihr Schicksal anvertraut haben, entlassen zu müssen. Mich selber hat der Unternehmervirus ebenfalls gepackt. Hatte ich im Hinterkopf vielleicht schon immer den Gedanken, doch noch ins Unternehmen einzusteigen? Mag sein, aber direkt angepeilt habe ich das nie. Nach meinen Erfahrungen im Inhouse Consulting eines grossen Konzerns in Deutschland gründete ich mit Kollegen ein Internetportal und lernte viel in wirtschaftlichen Belangen; aber inhaltlich war dies nicht meine Welt. Deshalb arbeitete ich ab 2001 als selbstständige Unternehmensberaterin. 2003 habe ich mit zwei Kollegen die NaviGet GmbH gegründet, deren geschäftsführende Gesellschafterin ich seit 2004 bin.

Hier kann ich meine Stärken, insbesondere
bei den Themen Nachfolgeplanung in Familienunternehmen und Optimierung von Veränderungsprozessen in Unternehmen, optimal einsetzen. Gleichzeitig erwarb ich mir an der Universität St. Gallen den MBA. Obwohl erst 55-jährig, musste mein Vater 2002/2003 die Frage der Zukunftssicherung des Unternehmens aktiv angehen. Die Geschäftsentwicklung erforderte massive finanzielle Mittel, welche die Familie alleine nicht einbringen konnte. Das Unternehmen wurde in eine GmbH umgewandelt, die heute nur noch zu 10 Prozent im Familienbesitz ist. Mein Vater ist der Firma als Präsident des Aufsichtsrats immer noch verbunden. Ich könnte mir, wenn die Konstellation stimmt, durchaus vorstellen, einmal in diesem Gremium Einsitz zu nehmen. Rodenstock ist für mich die wertvolle Marke eines Unternehmens, mit dem unsere Familie 125 Jahre lang einen gemeinsamen Weg gegangen ist. Aber die Identifikation ist nicht mehr gleich intensiv wie früher. Ich sage das ohne falsche Sentimentalität. Es ging um das Überleben der Firma und um das Überleben der Familie. Wenn ich die aktuellen Bilanzen und die Mitarbeiterzahlen anschaue, kann ich feststellen, dass die Nachfolgeregelung geglückt ist. Und auch das Verhältnis innerhalb der Familie ist besser denn je. Die NaviGet GmbH und mein Vater haben eine Kooperation. Wir arbeiten heute für gewisse Beratungsthemen zusammen, speziell wenn es um das Thema Nachfolgeplanung in Familienunternehmen geht. Es hat sich gelohnt, meinen eigenen Weg zu gehen und ein neues Familienunternehmen zu gründen. So bleibt es weiterhin spannend, auch mit der Zusammenarbeit innerhalb der Familie Rodenstock.

Quelle: Aus dem Bulletin der Credit Suisse


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