Damit die Betten nicht leer bleiben
Mit rund 3,7 Millionen Logiernächten pro Jahr ist das Berner Oberland eine wichtige Tourismusregion. Laut einer Studie der Credit Suisse sind Gstaad, Interlaken und Grindelwald als Topdestinationen am besten geeignet, die zukünftigen Konsumtrends zu antizipieren.
Die Strukturen, Strategien und Herausforderungen des Tourismus im Berner Oberland und namentlich seiner zehn Destinationen mit über 100 000 jährlichen Logiernächten sind vom Economic Research der Credit Suisse untersucht worden. Das Berner Oberland stellt keine ausgeprägte Wintersportdestination dar. Während beispielsweise Verbier 80 Prozent seiner Übernachtungen im Winter realisiert und es auch in Arosa oder Villars anteilmässig fast ebenso viel sind, übersteigen die entsprechenden Werte im Berner Oberland ? selbst in bekannten Skiorten wie Adelboden, Gstaad, Wengen oder Mürren ? kaum die 50-Prozent- Marke. Dies ist, eine genügende Bettenauslastung vorausgesetzt, nicht unbedingt ein Nachteil. Zum einen vergrössert der Ganzjahrestourismus den Spielraum für Investitionen in die Infrastruktur, zum andern wird die Abhängigkeit von der Witterung gemindert. Tatsächlich macht sich der Klimawandel gerade in Wintersportregionen negativ bemerkbar. Gemäss einer Ende 2006 von der OECD veröffentlichten Studie stehen jedoch die Schweizer Tourismusorte, insbesondere im Wallis und in Graubünden, gerade in dieser Hinsicht deutlich besser da als deutsche und österreichische Destinationen. Gegenwärtig gelten 609 von 666 Skiregionen der Alpen als schneesicher. Steigen die Durchschnittstemperaturen um ein Grad, so geht der Anteil schneesicherer Skiorte von 90 auf 75 Prozent zurück. Bei einem Anstieg um zwei Grad sind es 60, bei vier Grad gerade noch 30 Prozent. Heute gelten in der Schweiz 97 Prozent der Skigebiete als schneesicher, bei einem zusätzlichen Grad wären es 87 Prozent, bei zwei Grad mehr noch 79 Prozent. Erst bei einem Anstieg um vier Grad würde es auch in der Schweiz dramatisch, die Schneesicherheit fi ele dann auf 48 Prozent. Um ein Erfolgs-Benchmarking zu erstellen, analysierte die Credit Suisse die touristische Infrastruktur und das Klima, die Gäste- und die Angebotsstruktur der einzelnen Orte sowie die Entwicklung der vier Erfolgskomponenten Logiernächte, Bettenauslastung, Umsatz pro Logiernacht und Tagesausgaben. «Das breiteste Angebot im Berner Oberland weist die Destination Gstaad auf», heisst es in der Studie. «Dieser Ferienort erreicht oder überschreitet den Durchschnitt der betrachteten Destinationen bei allen Infrastrukturaspekten, wobei deutliche Schwerpunkte beim Angebot an Langlauf- und Après-Ski-Möglichkeiten, bei den Wanderwegen und Transportanlagen, den Trendsportarten, Golf sowie bei der Kinderbetreuung bestehen. Hinsichtlich klimatischer Rahmenbedingungen schneidet Gstaad hingegen unterdurchschnittlich ab. Insbesondere im Vergleich mit den Engadiner und Walliser Destinationen werden mehr Niederschläge und weniger Schnee sowie Sonnenschein verzeichnet. » Gerade dieser letzte Vergleich zeigt auf, dass Tourismusorte mit den richtigen Massnahmen gewisse naturbedingte Nachteile durchaus wettzumachen vermögen. Höchst unterschiedlich ist die Gästestruktur. In Lenk sorgen die Schweizer Gäste für mehr als 80 Prozent der Übernachtungen, und auch in Gstaad und Adelboden sind es mehr als die Hälfte. In Interlaken und Lauterbrunnen (Wengen, Mürren) hingegen gehen drei Viertel der Logiernächte auf Ausländer zurück, insbesondere Amerikaner und Asiaten. Die übrigen Destinationen weisen einen eher traditionellen Mix ihrer ausländischen Gäste auf. Dies ist darum von Bedeutung, weil die Tagesaus lagen der Amerikaner (270 Franken) und Chinesen (430 Franken) deutlich über jenen der Deutschen (170 Franken) und Schweizer (140 Franken) liegen. Der Tagestourismus ist für viele Destinationen von Bedeutung: Das grösste Kundenpotenzial innerhalb von zwei Fahrstunden besitzt Interlaken mit rund 5,5 Millionen Einwohnern. Sigriswil, Meiringen und Hasliberg folgen mit über 4 Millionen, Gstaad mit knapp 3,5 Millionen. Damit liegen die Berner-Oberland-Gemeinden deutlich über dem Potenzial fast aller Vergleichsgemeinden: Crans-Montana 1,9 Millionen, Davos 1,4 Millionen, Verbier 1,3 Millionen. Die Abgeschiedenheit muss allerdings kein Nachteil sein, wenn man bedenkt, dass St. Moritz mit 0,4 und Zermatt mit 0,3 Millionen ein geringes Einzugsgebiet besitzen, dies jedoch mit Exklusivität wettmachen und dafür umso mehr Übernachtungen aufweisen. Hinsichtlich des Standards seiner Hotels ist Gstaad schweizweit in der Spitzenposition: 65 Prozent des Bettenangebots befi nden sich im 4- und 5-Sterne-Bereich. Die gehobene Hotellerie ist auch in Interlaken, Grindelwald und Sigriswil von Bedeutung. Beim Umsatz pro Logiernacht schneiden Gstaad, St. Moritz und Flims am besten ab, betreffend Entwicklung der Logiernächte sind dies Celerina, Scuol und Saas Fee. Bei der Bettenauslastung führen Zermatt, Sils und St. Moritz, und bei den Tagesausgaben weisen Interlaken, Verbier und Grindelwald die besten Werte auf. Im gesamten Erfolgs-Benchmarking steht das Berner Oberland ziemlich gut da. Die erfolgreichsten Destinationen aller 32 Vergleichsorte sind Zermatt, Interlaken, St. Moritz, Gstaad, Grindelwald sowie Engelberg und Verbier. Durch den Vergleich des Erfolgs-Benchmarkings mit dem touristischen Angebot und den klimatischen Bedingungen wurden die Tourismusorte in vier Kategorien eingeteilt. Unter den Topdestinationen finden wir aus dem Berner Oberland Gstaad und Interlaken, aus dem Wallis Zermatt und Saas Fee, aus der Romandie Verbier sowie aus Graubünden St. Moritz, Pontresina, Celerina und Scuol. Neben erfolgreichen Nischenplayern und Orten mit einem eher beschränkten Potenzial gibt es eine ansehnliche Gruppe, die bei einer gezielteren Fokussierung der Angebote und einer besseren Markenpflege zu den Topdestinationen aufschliessen könnte. Namentlich sind dies Crans- Montana, Davos, Klosters, Laax, Flims und Lenzerheide. Für die Zukunft sind vier Megatrends von Bedeutung, da sie zu konkreten Konsumtrends führen: Demografie (Konsumtrend: Wellness), Wertewandel (Natur, Heimat, Kultur, Adventure), Globalisierung (Luxus, Internationalität) und Ressourcenknappheit (Schneetourismus). Zu den Topdestinationen zählen aus diesem Blickwinkel Grindelwald, Gstaad und Interlaken. Sie besitzen im Standortwettbewerb intakte Erfolgschancen, da sie die Megatrends rechtzeitig antizipieren können. Die übrigen Destinationen müssen sich überlegen, wie viele der Mega- und Konsumtrends sie abdecken können und wollen. Angesichts des steigenden globalen Konkurrenzdruckes im Mittelfeld wird eine klare Positionierung für den zukünftigen Erfolg immer zentraler.
Quelle: «Aus dem Bulletin der Credit Suisse»