Der Weg - religiöse Tradition mit neuem Etikett
Eine "europäische Kulturstrasse" belegt das Aufleben religiöser Tradition: Die Sinnsuche des 21. Jahrhunderts belebt den Jakobsweg, das Zubringernetz für mittelalterliche Bitt- und Bussgänger.
In den letzten Jahrzehnten haben sich die christlichen Amtskirchen beider Konfessionen tüchtig ungesundgeschrumpft. Der Schweizer Reformtheologe Hans Küng fürchtete schon längst, dass die katholische Kirche zu "einer unwahrhaftigen Kirche" werden könnte, in der "den entscheidenden Fragen der Menschheit ausgewichen wird, in welcher man gar nicht merkt..., wie weit man überkommene Meinungen und traditionelle Begriffshülsen als Wahrheit weiter tradiert und wie weit man sich in Lehre und Leben von der ursprünglichen Botschaft entfernt hat." Hans Küngs Warnung scheint für eine Mehrheit der Bevölkerung zu spät platziert. Längst haben an den traditionellen Eckdaten des Christentums ausserkirchliche Organisationen die Betreuung der massenhaft vereinzelten Bürgerinnen und Bürger übernommen. Während um die Weihnachtszeit die Reisebüros mit Karibik- Angeboten Privilegierten die Kälte des Festes der Liebe ersparen, schieben die Heilsarmee, die Dargebotene Hand und Kriseninterventionsstellen Sonderschichten für viele, denen die Flucht an die Sonne nicht gelingt. An Ostern und Pfingsten regeln Strassenpolizei, Pannen- und Unfalldienste die zeitgemässe Tradierung der Hohen Feiertage zum Happening privaten Motorsports.
Kirchliche Omnipotenz erschlafft
Aber auch wenn die Omnipotenz der Amtskirchen langsam und stetig erschlafft, die christlichen Traditionen scheinen gleichzeitig neu entdeckt zu werden: Weihnächtliche Einkehr und Besinnungsveranstaltungen in reformierten Begegnungszentren erfreuen sich reger Nachfrage. Der Besuch der Mitternachtsmesse am 24. Dezember, als exotisches Event geplant, wird zum Erlebnis. Vorösterliches Fasten gerät zum sonderbar sinnhaften Ersatz für sündhaft teure Wellness-Wochen. In zunehmender Zahl finden wohlstandsübersättigte Schweizerinnen und Schweizer in die Ordnung des alten Kirchenjahres zurück, halten sich an christlichem Brauchtum fest und deklarieren es prompt als reines Gemeinschaftserlebnis ohne religiösen Hintergrund. Walter Hartinger, Ordinarius für Volkskunde an der Universität Passau, will diese Verlautbarungen in seiner Abhandlung "Religion und Brauch" nicht gelten lassen: "Wesenselement des Brauches ist es schliesslich, dass er nicht völlig in die Beliebigkeit des einzelnen Individuums gestellt ist, sondern dass Faktum und Form seiner Durchführung von der Sitte gefordert werden. Auch dadurch kommt gleichsam Religion ins Spiel."
Religiöse Traditionen leben auf
Religion im Spiel ist auch bei einer Neuerscheinung des Comenius- Verlags im luzernischen Hitzkirch, der mit dem Titel "Gewusst wie und woher - Christliches Brauchtum im Jahreslauf" aufwartet. Der Autor, Thomas Binotto, Redaktor des Forums, des Pfarrblattes der katholischen Kirche im Kanton Zürich, erklärt nüchtern: "Jeder Mensch kommt irgendeinmal in eine Situation, in der ihm die Kontrolle über das Leben entgleitet; dann greift er auf religiöse Traditionen zurück. Mit einsamem Rationalismus kommt man nicht überallhin." Binotto hat recht. Unzählige Seiten im Internet belegen die Belebung der alten Pilgerwege, die Attraktivität der Wallfahrtsorte quer durch Europa. Während Kirchgemeinden und spezialisierte Reiseunternehmen traditionsbewusstem Kirchenvolk einen durchorganisierten Ausflug nach Lourdes, Fatima oder Altötting im Netz als Fast-Food-Kontemplation und religiös legitimierten Auslandtripp verkaufen, machen sich Organisationen und einzelne Pilgerinnen und Pilger Seite um Seite auf unterschiedlichste Art und Weise für den langen Marsch nach Santiago de Compostela stark. Für Einsiedeln gibt ein zermanschter Tomatenkopf, als satt lächelnder Pater Pilgrim, Tipps für die Etappen von und nach der Kloster-Metropole. Sehr sachbezogen verkündet das Paterchen den wissbegierigen Usern und Userinnen: "Unter dem Jakobsweg versteht man den mittelalterlichen Pilgerweg zum (angeblichen) Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela. Aus ganz Europa zogen während Jahrhunderten Hunderttausende von Pilgern nach Santiago, sodass man durchaus von einem touristischen Massenphänomen sprechen kann. Einsiedeln war damals ein bekannter Wallfahrtsort und bedeutender Zwischenhalt für die Jakobspilger nördlich und östlich der Schweiz."
Genauso wenig frömmlerisch verbrämt ist die Pilger-Kontaktbörse unter www.ultreia.ch: Ursula möchte mit dem Fahrrad von Bern nach Santiago starten und sucht weitere Fahrradfreaks. Auch Ekkehard setzt aufs Zweirad, favorisiert aber zwei- bis dreiwöchige Etappen mit Pausen vom frommen Tretgang. Sebastian ("21/m") ist "gut zu Fuss" und hat schon 11Wochen Jakobsweg abgewandert. Diesen Sommer will er weitere drei Wochen marschieren und sucht Gesellschaft. Joseph hat das "Jahrtausend auf dem Pilgerweg nach St. Jakob abgeschlossen" und möchte seine Erfahrungen bei einem "Glas Wein weitergeben".
Kontaktbörse verkuppelt Pilger
Und die "Internationale Bruderschaft" wirbt unter memberstripod.es für die "Via Europae", fördert den Kontakt zwischen Santiagopilgerinnen und -pilgern und erklärt: "Der Jakobsweg hat uns geprägt, und wir sind davon überzeugt, dass es etwas Gutes ist, das die ganze Welt, ja die ganze Welt, kennen lernen sollte." www.franziska.ch ist seit dem dritten April dabei, "das Gute zu erfahren". Am 15. Mai lässt sie die Internetgemeinde aus Navarette wissen: "Etwas müde, langsam gelaufen. " Franziska verliert sich nicht gerade in religiöser Verzückung, sie spiegelt eher die Stimmung einer Schulreise: "Endlich essen, viel trinken, endlich geduscht, endlich schlafen gehen." Aber trotz Wandervogel-Touch hat Franziska nicht vergessen, den Pilgerstempel von Navarette im Netz aufzuschalten. Jolanda Blum, Autorin des im Ott-Verlag gerade neu aufgelegten Wanderführers "Jakobswege durch die Schweiz", interpretiert die Gewohnheiten und den Ton der neuen Pilgergemeinde: "Der Pilgernde erlebt die Ruhe und den Lärm. Mögen alternative Formen des Tourismus wie zum Beispiel das Mountain-Bike- Abenteuer angeboten werden, ?der Weg? entspricht nach wie vor einem Lebensprozess. ? Jeder Pilgernde begegnet unterwegs seinen eigenen Grenzen und erfährt Situationen, die ihm seine realen Bilder, Vorstellungen, Ängste und Sicherheiten zusammenbrechen lassen." "Wer nach St. Jakob geht", assistiert Thomas Binotto der Autorin des Wanderführers, "geht auf eine Sinnsuche". "Und es ist eine Illusion", insistiert der Redaktor des Kirchenblattes, "zu meinen, man könne eine Wallfahrt losgelöst von der Kirche abziehen. Wäre dem so, würden die Wallfahrtswege schon längst zu Bill Gates führen." Binotto mag richtig liegen, aber ein schöner Teil der neuen Pilgerinnen und Pilger würde ihm nicht lauthals zustimmen. Der Manager eines mittelgrossen und global agierenden Industrieunternehmens unterstreicht kurz vor dem Start zum Fussmarsch nach Santiago sein kulturelles Interesse und vergisst nicht zu erwähnen, er gehöre der katholischen Kirche nicht an. Ein fünfzigjähriger Romanist betont nach dreimonatigem Pilgermarsch den psychischen Belastungstest des Alleingangs nach Santiago und lässt jeden, der nicht danach fragt, wissen, er habe den segenbringenden Mantel des Apostels in der Basilika selbstverständlich nicht geküsst.
"Erlösung suchen"
Am 25. Juli 1980 feierten rund 150 000 Pilgerinnen und Pilger den Namenstag Santiago de Compostelas. Das journalistische Schandmaul Norman Foster war dabei und beschreibt das Zusammengehen von Volksfrömmigkeit und plumpem Abriss, von billigen Vergnügungen und exklusivem Prunk und stolpert ganz am Schluss seines Buches "Die Pilger" in die Falle der Sinnhaftigkeit, verfängt sich im breit ausgeworfenen Netz tief verwurzelter christlicher Traditionen. Foster staunt über die Poesie Santiagos wie ein schwärmerisches Kind: " All das erschaffen mit dem Geist, den Muskeln und der Vorstellungskraft unzähliger anonymer Menschen, die den langen, mühevollen Weg auf der nicht enden wollenden Strasse nach Santiago auf sich nahmen, um ihre Identität zu finden - und Erlösung zu suchen." Der Apostel Jakobus, sagt die Legende, war ein wortgewaltiger Agitator im Dienste des Herrn. 44 Jahre nach Christus soll er von einem jüdischen Schriftgelehrten denunziert worden sein. Herodes Agrippa liess ihn in Jerusalem einen Kopf kürzer machen. Damit der kopflose Jakob nicht im Heiligen Land unsinnig verrottete, soll der "Engel des Herrn" die Überfahrt des Leichnams persönlich organisiert und ihn innert sieben Tagen mit einem Teil seiner Jünger übers Meer nach Galizien transferiert haben.
Pilger-Label wird kreiert
Auf der himmlischen Schifffahrt wurde mit der Legende auch das Label der Pilgerscharen, die Jakobsmuschel, kreiert. Das Pferd eines portugiesischen Ritters scheute vor dem unirdischen Licht, das die Leiche des Heiligen über dem Meer umgab und warf seinen Reiter in die Fluten. Der Unglückliche wurde der Mannschaft des "Traumschiffes" zugespült. Die Jünger entdeckten, dass der Gerettete über und über mit Jakobsmuscheln bedeckt war. Jakobus wurde in Santiago de Compostela begraben und revanchierte sich für den Platz in christlicher Erde mit gut platzierten Wundern. Trotzdem blieb das Grab lange von geringer Bedeutung. Erst im Jahr 759 liess Alfonso II von Asturien eine Kirche über den Gebeinen des Heiligen Jakob errichten. Seine Nachfolger bauten das Gotteshaus systematisch zur Kultstätte und zur europäischen Kapitale des Pilgertums aus. Die ersten schriftlichen Belege über die Pilgerstätte finden sich im Martyrologicum des französischen Mönches Usard und wurden 865 nach Christus publiziert. Als Schutz und Schirm wider die Mauren war der Reliquienschrein von umstrittenem Inhalt ein zentraler Teil der PR-Kampagne für die Kreuzzüge. Im 12. Jahrhundert, das Gotteshaus war bereits zur Basilika avanciert, wälzten sich die Pilger und Pilgerinnen zu Tausenden mit der Muschel am Umhang über deutsche und französische Wege nach Santiago de Compostela. Und überall am Weg entstanden neue Gotteshäuser, wurden Pilgerherbergen hochgezogen. Reisende aus allen Regionen Europas suchten beim Heiligen die Erfüllung ihrer geheimen Wünsche, büssten auf dem langen Weg weltliche und religiöse Vergehen, holten sich einen schnellen Ritterschlag für den Gang ins Heilige Land oder hatten sich ganz einfach aus der unerträglichen Enge ihres heimischen Daseins davon gemacht. Über die Jahrhunderte weg schützte der kopflose Jakob Ritter und "Siechend Sennen", machte sich als Schutzpatron der Arbeiter und Lastträger nützlich und breitete seinen heiligen Mantel über die unterschiedlichsten Städte. Der Journalist Norman Foster schreibt über die Pilgerstätten des späten Mittelalters: "Die Strasse nach Jerusalem war durchtränkt vom Blut europäischer Edelleute, die Strasse nach Rom gepflastert mit den schändlichen Geschäften korrupter Kirchenherren; aber die Strasse nach Santiago war der Schlüssel, der das Verlies Europa zu künstlerischer Lebenskraft öffnete."
Europa belebt St. Jakob
"Das Verlies Europa" hat sich 1987 erneut auf den Mythos der Jakobswege eingeschworen. Der Europarat erklärte das Wegnetz nach Santiago zur europäischen Kulturstrasse und empfahl den Schutz des historischen, literarischen, musikalischen und künstlerischen Erbes, das durch das Pilgerwesen entstanden war. Folgerichtig wurden die Jakobswege in Deutschland, Frankreich und der Schweiz eruiert, ausgebaut und ausgeschildert. Die vier grossen Zufahrtswege, auch der aus dem süddeutschen Raum und der Schweiz, vereinigen sich jenseits der Pyrenäen zum "camino francés", der die Pilger und Pilgerinnen über 700 Kilometer gemeinsam dem Ziel, Santiago de Compostela, zuführt. Ein Jahr nach der europäischen Deklaration wurde in Lausanne die "Schweizerische Vereinigung der Freunde des Jakobsweges" gegründet. Ihr Zentralsekretariat an der Route de Montfleury 38 in 1214 Vernier unterstützt künftige Pilgerinnen und Pilger mit Material, Erfahrungsberichten, Adressen und dokumentiert den kulturellen Hintergrund. Aber auch Schweiz Tourismus und lokale Verkehrsvereine setzen auf den heiligen Weg und - wie in alten Zeiten - auf Prosperität dank Pilgerreisen.
Text: Rosmarie Gerber
Quelle: Aus dem Bulletin der Credit Suisse