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Fressen für höhere Textile weihen

Der Bombix Mori, der chinesische Maulbeerseidenspinner, verbringt sein kurzes Leben vorweg mit ausgiebigen Sinnesfreuden, Fressorgien und unmanierlichem Geifern.

In den 35 Tagen ihrer Verpuppung frisst die pelzige, bleiche Raupe das Vierzigfache ihres Körpergewichtes. Das Sekret der Bombix Mori und ihrer Verwandten, zum Kokon verhärtet und später «aufgekocht», ist das edelste Textil, das auf dem Markt ist: Seide. Schlüpft der Bombix Mori, widmet sich der braun-gelbe Schmetterling mit ungewöhnlicher Ausdauer dem Liebesspiel respektive der Produktion neuer Raupen: Bis zu zwölf Stunden soll sein Vereinigungs-Ritual dauern. Die Seide sorgt allerdings seit etwa 4000 Jahren dafür, dass einem Teil der Bombix Mori flattrige Langzeit-Liebesfreuden verwehrt bleiben. Damit der kostbare Kokon intakt bleibt, werden die Puppen mit heissem Dampf vom Leben zum Tode gebracht. Beim Abhaspeln der  Fäden verwandelt sich schliesslich die Völlerei der vorzeitig verschiedenen Raupen in textile Noblesse. Der Mittelteil des Kokons sorgt für Grège, Seide höchster Qualität, die äussern Lagen für «Schappe». Die gezwirnte und verwobene Seide krönt bis heute die Kollektionen aller grossen Designer und Konfektionäre. Und der Stoff, der für grosse Auftritte sorgt, ist nicht umsonst teuer: Für einen schweren japanischen Kimono haben 3000 Raupen ihr Leben ausgehaucht und sechs Tonnen Maulbeerblätter vertilgt. 50000 Raupen sorgen für 120 Kilogramm Rohseide.

Text: Rosmarie Gerber
Quelle: Ausschnitt aus dem Bulletin der Credit Suisse


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