High-Tech-Helden Formel-1
Schnelle Autos und starke Männer stehen für den Formel-1-Zirkus. Aber am leidenschaftlichsten drehen Konstrukteure und Designer ihre Runden.
" Alle drängen plötzlich an den Ring, und selbst die Sorte Promi, die keine VIP-Party auslässt, macht auf Boxenluder ", leitet Uwe Killing, Chefredaktor des " For Him Magazin " FHM, seine Sonderbeilage zur Eröffnung der Formel-1-Saison ein. FHM, allgemein eher auf die männliche Sicht weiblicher Kurven abonniert, stellt alle Formel-1-Piloten vor und beweist dieses Frühjahr Kompetenz bei schnell befahrbaren Kurven. " Es wäre doch nett, wenn Nick Heidfeld mal eine schwarzweiss karierte Ziel- Flagge sehen würde ", wird der 24-Jährige abqualifiziert. Dem 21-jährigen Kimi Raikkönen wird wenigstens noch eine Chance zugestanden: " Entweder schiesst er sich dauernd von der Strecke, oder er ist das neue Wunderkind. "
Erste Runde zum Star-Status
Kaum hatte FHM die helvetische Formel- 1-Fan-Gemeinde jeder Hoffnung auf ein akzeptables Resultat des einzigen Schweizer Formel-1-Teams beraubt, fuhren die beiden Sauber-Piloten das Credit Suisse- Logo beim Grand Prix von Australien auf Platz vier und sechs. Und während Saubers Boygroup in Melbourne die erste Runde auf dem 17fachen Ring (17 Rennen) zum Star-Status gedreht hat, sorgt das " Home-Team " dafür, dass die rund 12 000 Einzelteile der beiden Boliden perfektioniert werden und immer rechtzeitig Ersatz auf den Rennplätzen zur Hand ist. Gegen 300 Spezialistinnen und Spezialisten sind bei Sauber unter Vertrag. Um die fünfzig Personen eskortieren Gerätschaften, Autos und Fahrer von Rennplatz zu Rennplatz, und gegen dreissig Fachleute überprüfen auf den Teststrecken laufend technische Verbesserungen. Im Industriegebiet der Zürcher Oberländer Gemeinde Hinwil ringt gleichzeitig das Hometeam um mehr Perfektion für die fahrenden Boliden und lässt im Kopf bereits den C21, das Modell der nächsten Saison, seine ersten Runden drehen.
Think Tank und Werkstatt
Während Hochglanzpostillen die atemberaubende Formel-1-Welt verklären, sorgen Feinarbeit, Kreativität und eiserne Disziplin dafür, dass Nick Heidfeld und Kimi Räikkönen ihre rasenden Runden im Rampenlicht drehen können. Die Stars auf dem Platz sind überall auf der Welt mit dem Think Tank und der Werkstatt auf der grünen Wiese verbunden. Nach jedem Rennen wird den Ingenieuren, Statikern und Designern Bericht erstattet, werden Ersatzteile im Hauptquartier geordert. Gastiert der Formel-1-Zirkus in Europa, machen die Rennwagen in Hinwil zwischen den Rennen Station. Zwei bis drei Stunden nach ihrer Ankunft sind die ein- zelnen Komponenten bereits in Revision. Die puristische Architektur des Red Bull Sauber Petronas-Hauptquartieres geht in klinisch reinliche Innenräume über.
Lieber bei Sauber als bei Ferrari
Zwischen Dezember und Februar sorgt Sauber dafür, dass in Hinwil die Lichter nicht ausgehen: Vor den ersten Tests wird gegen und rund um die Uhr gearbeitet. Aber auch in den übrigen Monaten hat sich der High-Tech-Tempel - Fotografieren ist weitgehend verboten und wilde Publikumskontakte strikte untersagt - der Schweizer Formel-1 nicht der Gemütlichkeit verschrieben. Betriebsleiter Erich Rüegg: " Hier ist man zwischen 55 und 60 Stunden pro Woche im Einsatz. Aber man leistet Präzisionsarbeit wie nirgends sonst. Das gibt eine riesige Befriedigung. Ich bin nicht bei Ferrari, weil es mir bei Sauber so gut gefällt. " " In Hinwil arbeiten Koryphäen und Primadonnen, aber wenn es hart auf hart geht, zählt nur das Auto ", unterstreicht der Statiker Thomas Knodel, Head of Structural Calculation. " Klar bestimmt der Testtermin unsere Arbeitszeit und nicht der Arbeitsvertrag. Aber wenn ich mit Sauber Fünfter werde, dann habe ich gesiegt. Würde ich mit Ferrari Weltmeister, wäre mein Beitrag kaum auszumachen. " "Wer hier beschäftigt ist, muss vom Rennsport und der Technik besessen sein ", fasst Dominik Stockmann, Leiter der Getriebe- Konstruktion, die Grundstimmung der Sauber-Spezialisten zusammen. "Es ist klar, in der heissesten Phase ist man Tag und Nacht in Gedanken bei der Arbeit. Der C20 steht konstant im Wettbewerb, das fasziniert. Das Getriebe ist mein Beitrag. " " Das Leben am Limit, die mörderische Jagd um den Titel von Michael Schumacher: Nie gab es eine Saison, die aus deutscher Sicht so interessant zu werden verspricht ", beschwört Wolfgang Uhrig, Chefredaktor des deutschen Sportmagazines "Kicker" die Formel-1-Fans. Auch die Red Bull Sauber Petronas- Piloten servierten mit ihrem Start die Aussicht auf eine interessante Rennsaison. Im Gegensatz zu den beiden jungen Fahrern bleibt den Spezialisten im zürcherischen Hinterland die " mörderische Jagd um den Titel " erspart. Aber das " Leben am Limit " von Technik und Leistungsfähigkeit dürfte jedem Einzelnen von ihnen vertraut sein.
Huldreich Zwinglis Rennen im Vorfeld
Trotzdem wird in Hinwil die Anspannung bis zum Letzten nicht mit rauschenden Festen kompensiert. Huldreich Zwinglis protestantische Arbeitsmoral scheint das Team nachhaltig geprägt zu haben: Nach dem Gelage zur Feier der überraschend guten Resultate von Melbourne befragt, sagt einer der Mitarbeiter erstaunt: "Wir haben uns am Montag die Hände geschüttelt, gratuliert und sind zur Arbeit gegangen." " Mein Rennen läuft im Vorfeld ", meint Betriebsleiter Erich Rüegg beiläufig. " Zuerst sind die Entwicklungsabteilung und die Designer, die für neue Komponenten verantwortlich sind, involviert. Sind die CAD-Daten und das Design bestimmt, übernimmt die Produktion. Ich koordiniere und steuere, bis das Auto fertig ist."
Text: Rosmarie Gerber
Quellenangabe: Auszug aus dem Bulletin der Credit Suisse