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Interview mit Köbi Kuhn

Köbi Kuhn über die Rolle des Fussballs in unserer Gesellschaft

Herr Kuhn Sie waren früher selber Fussballprofi, nun sind Sie Nationalmannschaftstrainer, wie prägend war der Fussball für Sie, was konnte der Fussball Ihnen geben?
In meinem speziellen Fall ist es neben vielen angenehmen Neben und Randerscheinungen und dass es ein grosser Teil meines Lebens ist, konnte ich auch viel profitieren. Etwas vom Wichtigsten ist, dass ich gelernt habe zu verlieren.Jeder der irgendwie an die Spitze kommen will, ist unglaublich ehrgeizig, aber im Sport muss man, gerade im Fussball, wo man ja nicht nur einmal im Jahr sondern jedes Wochenende einen Wettkampf, sozusagen eine Prüfung hat. Muss man lernen zu verlieren. Ich glaube das hat mir der Sport vermittelt.

Aber gerade in der Nationalmannschaft ist es ja so, dass knallhart selektioniert wird. Auch der Ehrgeiz muss vorhanden sein, um eben nicht zu verlieren sondern zu gewinnen.
Ja ganz klar, es ist nicht unser Ziel zu verlieren. Denoch ich glaube wenn man den Blick fürs Wesentliche verliert und blind wird kann das gefährlich sein. Ich glaube Niederlagen, und das lernen mit Kritik umzugehen, ist sehr wichtig für den Erfolg eines Einzelnen und des Teams. Wir gehen auf den Platz um zu gewinnen. Doch es kann nicht immer nur in eine Richtung gehen, diese Erfahrung scheint mir auch fürs spätere Leben wichtig. Es kann nicht nur immer aufwärts gehen, und im Fussball lernt man, dass es in solchen Situationen weitergeht und man wieder aufstehen, weiterkämpfen muss.

Fussball eine Lehre fürs Leben?
Ich glaube der Fussball, und der Sport im allgemeinen, vor allem Mannschaftssportarten geben viel mit fürs Leben. Für einen Jungen von heute ist es ganz normal, dass er mit Gleichaltrigen die ihre Wurzeln beispielsweise in der Türkei, oder im Balkon oder in Afrika haben, zusammenzuspielen einen normalen Umgang zu pflegen. Ich glaube das ist ein grosser Wert der hier geschaffen wird, diese Solidarität ist wichtig. Dennoch muss man bei Fussball als Lebensschule gewisse Einschränkungen machen. Es wird einem doch viel erleichtert, gerade wenn man ein bisschen talentiert ist, muss man sich nicht mehr um alles kümmern, dies ist vielleicht ein Punkt der vielleicht nicht wirklich positiv ist, Fussballtalenten wird häufig vieles aus dem Weg geräumt. Andere die mehr kämpfen müssen, da sie nicht so viel talent für irgendwas auf den Weg mitbekommen haben, lernen vielleicht das Leben besser kennen. Es ist auch wichtig für einen talentierten Fussballer, dass er Demut und Dankbarkeit besitzt.

Ist das nicht gerade ein schweizer Phänomen. Schon die Juniorennationalmannschaft übernachtet in den besten Hotels. Fussballer geniessen viele Privilegien. Kann dies nicht dazu führen, dass wir Schweizer zu schnell zufrieden sind?
Ich glaube nicht das es sich um ein schweizer Phänomen handelt, ich glaube es ist ein Wohlstandsphänomen. Aber der Erfolg von den gerade von den jüngeren Auswahlen, der Europameisterschaftstitel, Halbfinal U21, die vielbeachtete Ausbildungsarbeit zeigt, dass wir eigentlich auf dem richtigen Weg sind. Dass die heutige Generationen weniger Respekt haben vor den vermeintlich grossen Nationen, dass wir selbstbewusster ins Spiel gehen. Ich glaube das ist eine gute Entwicklung die der schweizer Fussball macht. Das andere spielt natürlich schon mit, ich kann mir vorstellen, dass ein junge in Nordengland, wo man noch in die Kohlengruben geht, oder in Südamerika wo Karriere im Fussball machen, gleichbedeutend mit einem sozialen Aufstieg ist, nicht nur im Sinn von Annerkennung sondern auch wirtschaftlich einen grossen Aufstieg bedeutet, und deshalb der Fussball dort eine grosse Anziehung besitzt.

Die Fifa spricht gerade im moment sehr gerne vom Fussball als friedensfördernde Massnahme, gerade im Zusammenhang mit dem Irakkrieg. Glauben sie das der Fussball wirklich im sozialen Bereicht wirklich von so einer grossen Bedeutung sein kann?
Das Kriege und solche Auseinandersetzungen einfach so zu verhindern, da wäre der Fussball überfordert. Aber es gibt Symbole die unglaublich stark sind, beispielsweise das erste Zusammentreffen zwischen der USA und dem Iran, das gar von einem Schweizer gepfiffen wurde. Aber es gibt natürlich auch viele Politiker die sich ich gross darum kümern. Ich glaube allerdings schon und durfte das schon oft an grossen Tunieren selber miterleben, wenn man da als Zuschauer diese phantastische Stimmung  miterleben kann, und sieht wie friedlich die Fans der beiden Mannschaften im Normalfall miteinander umgehen, dann glaub ich doch das es ein bisschen helfen kann. Ob man  damit allerdings die Welt verändern kann, zumindest kurzfristig bezweifle ich das. Dennoch ist es schon von enormer Bedeutung das der Fussball weltweit so gefördert wird.

Sie haben gerade die Emotionen angesprochen, sie waren in Portugal dabei, und konnten diese Stimmung selber einfangen. Wie haben sie das erlebt? Beindruckt das einem?
Auf jeden Fall. Ich glaube wir haben etwas erlebt, wir haben ja keinen grossen Exploit gemacht, wir haben sehr starke Gegner gehabt und uns auch selber dezimiert. Aber was wir hatten war ein phantastisches schweizer Publikum. Auch bei Niederlagen konnten wir Standing oveations engegennehmen, und auch zahlenmässig waren die schweizer Fans gemessen an der grösse des Landes unglaublich gut vertretten. Das sind Bilder die mir bleiben, und ich hoffe es das es auch in den nächster Zeit so weitergeht. Ich weiss das diese Unterstützung weitergeht, und das dies auch eine grosse Verpflichtung für die Nationalmannschaft ist.

Wie gehen sie persönlich mit dem Druck um, die Erwartungshaltung gerade jetzt nach der Qualifikation für Portugal ist doch ziemlich hoch. Wenn man jetzt beispielsweise gegen die Iren spielt, geht man in der Schweiz davon aus das man diese schlagen muss, und vergisst dabei das die Iren eine sehr starke Mannschaft besitzen.

Ja nicht nur die Iren, von den Franzosen brauchen wir ja gar nicht zu sprechen. Für mich persönlich, natürlich ist eine Spannung da, aber ich habe schon früh gelernt mit Druck umzugehen, obwohl zu meiner Zeit die Medienwelt noch anders war, und der Druck von aussen heute grösser ist. Aber man hat sich auch schon früher selber Druck gemacht, und ich konnte eigentlich immer gut damit umgehen. Im Gegenteil ich mag diese grossen Aufgaben, mir macht es keine Angst, man muss aber immer mit dem nötigen Respekt auf den Platz gehen. Angst ist kein guter Ratgeber, der Spruch ist nicht von mir aber dennoch richtig.

Sie haben die ganze Entwicklung des Fussballs mitgemacht, die ganze Kommerzialisierung, die ganze Entwicklung der Medien. Auch den Zusammenbruch von Servette Genf, und anderen Clubs. Glauben sie der Fussball macht eine schlechte Entwicklung durch?
Das sind ja keine neuen Töne das hat man schon zu meiner Zeit gesagt. Es ist nicht möglich es kann nicht ewigs vorwärts gehen, es muss zu einem Zusammenbruch kommen, der Sport kann diese Begeisterung die er auslöst nicht auf ewigs halten, da ist eine Kommerzialisierung die die Leute nicht mitmachen. Und was ist passiert der Fussball wurde noch populärer er boomt noch mehr. Dass es dabei auch Schattenseite gibt erleben wir jetzt und haben wir in den letzten Jahren erlebt, und wir müssen es uns gut überlegen, wie wir damit umgehen in Zukunft. Ich glaube es ist wichtig das wir unsere Grenzen realistischer einschätzen können.
Die schweiz muss schauen, dass sie eine gute Ausbildung gewährleisten kann uns so mit einer möglichst jungen Nationalmannschaft erfolgreich zu spielen. Es ist die Aufgabe von kleinen Ländern mit ihrer Ausbildungarbeit Zulieferanten für die grossen Klubs die grossen Ligen zu sein. Dies wird nicht aufzuhalten sein, dies wiederum ist allerdings auch für die Jungen wiederum eine Chance. Man darf das nicht so schwarz sehen

Wenn sie zurückblicken würden sie den Weg des Fussballs nochmals gehen.
Für mich war das überhaupt nie eine Frage.
Wenn ich zurückschaue, ich weiss nicht wo es hätte anders verlaufen  können. Ich muss ehrlich sagen, diese Gedanken mache ich mir gar nicht. Es ist wie ein Freistoss den man schiesst, den kann man nicht wie im training wenn er misslingt wiederholen und wiederholen, im Training geht das im Spiel ist es die einmalige Chance. Der Weg den ich gewählt habe der hat so vieles positives. Ich hatte das Glück ein bisschen Talent mit auf den Weg bekommen zu haben, und konnte so durch den Fussball die Welt kennenlernen, Erfahrungen sammeln und andere Kulturen kennenlernen. Habe gelernt mich in einer Gesellschaft zu bewegen in der es viele  interessante Leute hat. Ich würde auf jedem Fall das wieder machen, und rate jedem der die Chance dazu hat, diesen Weg zu gehen, seinen eigenen Weg zu gehen. Wenn man die Chance hat muss man versuchen diese zu nutzen. Es ist so phantastisch in diesem Sport, der durch Emotionen Freude und Spass, aber natürlich auch durch Leiden und Arbeit geprägt ist. Dies kann fürs ganze Leben positive Eindrücke hinterlassen.

Das Interview entstand im Februar 2005 und ist Teil der Maturarbeit "Krieg und Frieden: Die Rolle des Fussballs" von Sebastian Schiendorfer


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