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Langsamkeit bringt Lust und Frust

Nicht nur beim " Eile mit Weile " entscheidet die richtige Mischung zwischen " schnell " und "langsam" über Sieg und Niederlage. Unsere Gesellschaft ist " beschleunigungsverrückt ". Liegt das Heil in der Langsamkeit ?

Dass man mit Langsamkeit oft weiter kommt als mit Tempo, wusste schon Johann Peter Hebel. In seiner Geschichte "Der verachtete Rat " erzählt er, wie ein Fuhrmann auf dem Weg nach Basel einen Fussgänger fragt, ob es ihm wohl noch vor Torschluss in die Stadt reiche. " Schwerlich, doch wenn Ihr recht langsam fahrt, vielleicht. Ich will auch noch hinein ", lautet die merkwürdige Antwort. Der Fuhrmann treibt also die Pferde an, damit er ganz sicher rechtzeitig ankommt. Aber die Eile fordert ihren Tribut: Die Hinterachse des Wagens bricht, der Fuhrmann muss im nächsten Dorf übernachten. Der Fussgänger, der eine Stunde später durch das Dorf geht und den Wagen erblickt, meint: " Hab ich Euch nicht gewarnt, hab ich nicht gesagt: Wenn Ihr langsam fahrt ! " Diese Anekdote bringt einen zentralen Punkt der Definition von Langsamkeit zum Ausdruck: Langsamkeit existiert nur in Bezug zu Geschwindigkeit. Die Eigenschaften dieses Gegensatzpaares scheinen klar zugeordnet. Langsam ist hinterwäldlerisch, langweilig, altmodisch. Schnell ist cool, sexy, erfolgreich. Doch was heisst hier " ist " ? Die Vergangenheitsform wäre angebrachter, existiert doch schon seit einiger Zeit eine regelrechte Gegenbewegung. Weg von der dauernden Hetzerei, heisst die Devise. Sich Zeit nehmen, die Dinge wohlüberlegt anzugehen. Sich Zeit nehmen, in der Gegenwart zu leben. Langsamkeit wird nicht mehr zwingend mit Unfähigkeit gleichgesetzt. Zum einen entdecken immer mehr Menschen die Vorteile der Langsamkeit, zum anderen hat Langsamkeit einen gewissen Chic: Wer in unserer Gesellschaft bewusst langsam sein kann, hat etwas erreicht, was den ewig Eiligen abgeht; er kann es sich nämlich leisten, sich Zeit zu nehmen. Zeit wird zum Luxusartikel, " Schnelligkeit " und " Beschleunigung " verkommen zu Reizwörtern.

Im Schneckentempo zum Erfolg


Langsamkeit wird also nicht nur (wieder-) entdeckt, sie steht auch für Genuss. So gibt es beispielsweise "Slow Food "- Restaurants, die die Langsamkeit inszenieren und ihren Schwerpunkt anstatt auf schnelles Servieren der Speisen auf Genuss, Geschmack und hochwertige Produkte legen. Eine nicht zu unterschätzende Rolle beim Boom der Langsamkeit spielte der Einfluss östlicher Meditation und Lebensart, das Besinnen auf die Eleganz der Einfachheit und des Wesentlichen. Langsamkeit kann ein seriöser Weg zum Ziel sein. Darüber wird an Orten nachgedacht, wo man noch vor wenigen Jahren wenig für solche Gedankengänge übrig hatte. Der Versuch, Langsamkeit zu propagieren, zeigt, wie wichtig diese Gegenbewegung bereits geworden ist. Heute wird Langsamkeit in Chefetagen, Planungsbüros und Forschungszentren sogar als Zukunftsstrategie gehandelt. Die Erkenntnis, dass Schnelligkeit nicht die einzige produktive Zeitform ist, scheint sich allmählich durchzusetzen. Die neue Lust an der Langsamkeit hat demnach durchaus auch einen wirtschaftlichen Hintergrund. " Slobbies " nennt die Soziologin Eva Gesine Baur etwa den neuen Angestellten- Typus: "Slow but better working people ", Menschen, die zwar langsamer, dafür aber besser arbeiten, bringen der Firma im Endeffekt mehr als Hektiker, die viel Wind produzieren. Auch Wirtschaftstheoretiker warnen vor einer Beschleunigungsspirale. "Wer zu schnell ist, den bestraft das Leben ", doppelt Karlheinz Geissler nach, der mehrere Publikationen zum Thema Zeit verfasst hat. Beispiel Verkehrskollaps: Auch hier könnte Langsamkeit nach Ansicht von Verkehrswissenschaftern offenbar die Lösung sein. Das Risiko verstopfter Strassen und kilometerlanger Staus ist nämlich am geringsten, wenn alle Verkehrsteilnehmer mit einer möglichst mässigen Geschwindigkeit unterwegs sind.

Umdenken findet Zustimmung


Sind das vielleicht schon Ansätze einer Verhaltensänderung ? Dass Geschwindigkeitsbegrenzungen auf der Strasse Sinn machen, ist einfach nachvollziehbar. Aber was steckt hinter der " Beschleunigungsbremse " in der Wirtschaft ? Klar ökonomische Überlegungen: Neue Produkte sind fast schon wieder Sondermüll, bevor sie den Laden verlassen; potenzielle Kunden können die allerneuesten Modelle von kürzlich erschienenen gar nicht mehr unterscheiden. Unter diesen Umständen wird der Produktionsprozess nicht nur enorm teuer, sondern letztendlich auch sinnlos: Die Beschleunigung verkommt zum Teufelskreis, denn Zeitersparnis an einem Ort führt in den meisten Fällen nicht zu mehr Zeit an einem anderen Ort, sondern zu mehr Stress. Kreatives, sorgfältiges Arbeiten bleibt unter diesem Dauerdruck als erstes auf der Strecke; Fehler häufen sich, und die kommen ein Unternehmen teuer zu stehen. Das japanische Handelsministerium beispielsweise scheint die Gefahr, die hinter dieser Entwicklung steht, erkannt zu haben. Es fordert japanische Industrieunternehmen seit einiger Zeit auf, die Produktlebenszyklen bei Elektrogeräten, Computerchips und Autos zu verlängern und den Innovationsprozess zu verlangsamen. So gilt auch hier: " Slobbies " vor, denn langsames, präzises Arbeiten führt letztendlich schneller zum Ziel. Nach Einschätzung von Zukunftsforschern wird die Langsamkeit deshalb an Bedeutung gewinnen. Die Beschleunigung, die seit der Erfindung der Dampfmaschine ständig zugenommen hat, hat ihre Grenzen erreicht, meinen sie. Tägliche Abläufe lassen sich nicht weiter beschleunigen. Eine Reaktion darauf ist der Versuch, Zeit zu verdichten, eine andere besteht darin, dass immer mehr Menschen die Vorteile der Langsamkeit erkennen. Der amerikanische Soziologe Gerald Celente nennt diesen Trend hin zu mehr Gemütlichkeit und Bescheidenheit das " Simple life "-Fieber. Ganz nach dem Motto "Weniger ist mehr " versuchen viele Berufstätige, die zunehmende Hektik im Berufsalltag durch eine möglichst grosse Temporeduktion im Privatleben zu kompensieren.

Zeit muss gut bewirtschaftet werden


Fritz Reheis fasst die Thematik in seinem Buch " Die Kreativität der Langsamkeit " so zusammen: " Das ?Ganze? des Menschen, der Gesellschaft und der Natur lässt sich am besten dadurch erfassen, dass man zunächst auf allen drei Ebenen nach jenen Kräften sucht, mit denen jeweils gehaushaltet werden muss, und dass man dann Haushalten als Kunst des klugen Umgangs mit Zeit begreift." Die Menschheit habe aber die Produktion des Lebens so organisiert, dass Kräfte systematisch schneller verbraucht würden als sie sich regenerieren könnten. Deshalb sei die Beschleunigungslogik der modernen Ökonomie im Begriff, das Leben zu zerstören. Ansatzpunkte zur Umkehrung dieser fatalen Entwicklung sieht er im klugen Haushalten mit Ressourcen. "Wir müssen der Natur, der Kultur/Gesellschaft und dem Individuum nur ihre jeweiligen Eigenzeiten lassen." Die Entschleunigung des Lebens, so Reheis, kann nicht nur den Erschöpfungsprozess stoppen, sondern ermöglicht auch völlig neue Formen des Geniessens, ja ein " neues Wohlstandsmodell ". Dieses soll hauptsächlich durch einen sanfteren Konsumstil erreicht werden, der seinerseits zu mehr Eigenzeit führt.

Die Vergangenheit wird romantisiert


Mittlerweile ist jedoch auch das Propagieren der Langsamkeit in die Kritik geraten. Reheis geht davon aus, dass es ursprünglich einen Idealzustand - also quasi ein Gleichgewicht zwischen Geschwindigkeit und Langsamkeit, zwischen Beschleunigung und Entschleunigung - gegeben hatte. Dieser Idealzustand liege auch für uns in Reichweite, wenn wir uns nur genügend anstrengten. Zu denken, früher sei alles besser gewesen, als hätten die Menschen etwa im Mittelalter Zeit im Überfluss gehabt, als sei damals Beschleunigung überhaupt kein Thema gewesen, ist problematisch. Ist das nicht eine stark romantisierende Vorstellung der Vergangenheit, die von der Realität etwa gleich weit entfernt ist wie die undifferenzierte Verteufelung unserer Zeit als " beschleunigungsverrückt " und " innovationstoll "? Die Forderung nach einer Rückkehr zu einer - vermeintlich - heilen Welt wirft zusätzliche Fragen auf. Wenn in unserer Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft sämtliche Prozesse generell entschleunigt würden, entstünde erst einmal ein Chaos, von "neuem Wohlstand " könnte wohl nicht die Rede sein, im Gegenteil. Und ist die verallgemeinernde Forderung nach Entschleunigung in ihrer Art nicht ebenso absurd und fragwürdig wie die zugegebenermassen ebenso verrückte Beschleunigung ? Genauso wenig wie nicht alle Menschen bereit sind, die totale Beschleunigung zu akzeptieren, möchten nicht alle die totale Entschleunigung ohne Widerrede hinnehmen. Wie so oft liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte. Geschwindigkeit ist nicht a priori schlecht und Langsamkeit nicht die Lösung allen Übels. Es geht darum, beide Zeitformen in den jeweils angebrachten Situationen anzuwenden. So wie es für alles eine richtige Zeit gibt, gibt es wohl für alles eine richtige Zeitform. Gefragt ist unsere Kreativität: Wie beim " Eile mit Weile "-Spiel müssen wir im wirklichen Leben täglich von neuem entscheiden, ob wir der Eile oder der Weile mehr Gewicht einräumen, bevor wir den nächsten Zug tun.

Text: Jacqueline Perregaux
Quelle: Aus dem Bulletin der Credit Suisse


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