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Nylons

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Nylons: Die Erotik des Freihandels zwischen Alpenland und USA

"Kraft des mächtigen Hegemonieanspruches des Englischen erscheint jede andere Sprache auf der Welt immer mehr als eine Art Hindernis zu einer perfekt uniformierten und standardisierten Welt. Dadurch droht die verabsolutierte globale Sicht das Lokale in seiner Eigenheit grundsätzlich in Frage zu stellen. ? It?s all the same.?"

Solcherart wortgewaltig warnte am 11. Oktober 1997 der Romanist Marco Baschera in der " Neuen Zürcher Zeitung " die dumpf versumpfte helvetische Kulturnation vor Frühenglisch, vor dem Bankrott unserer vier Landessprachen und vor der drohenden Einführung des " amerikanischen " Idioms als Parlaments- und Amtssprache. Baschera, Französisch- und Italienischlehrer an einem Zürcher Gymnasium und Privatdozent an der örtlichen Alma Mater, ist zu spät aufgestanden. Frühenglisch ist gesetzt und schlimmer noch, die " Cola-colonization " ist schon längst vollzogen. Too late Baschera: Schon nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich unsere Mütter und Grossmütter in die Arme der US- Unkultur geschmiegt und alles über Bord geworfen, was ihnen 1939 Mutter Helvetia und Füsilier Wipf auf dem Schifflibach der Landesausstellung ins Ohr geflüstert haben. Zwischen 1945 und 1949 fuhren 311 000 GI zur Erholung in die schweizerischen Alpen ein. Und die amerikanischen Soldaten warteten nicht nur mit dem Sexappeal der Sieger auf: Ihre Uniformen wirkten im Gegensatz zum feldgrünen Drillich der helvetischen Gemeinen ausgesprochen casual. Im Gepäck hatten die GI Kaugummi, Jazz und Nylons. Die Kolonialisierung muss im Eilzugtempo stattgefunden haben. Hans Ulrich Jost, Professor für neue Geschichte an der Universität Lausanne, berichtet in seinem Buch " Politik und Wirtschaft im Krieg " trocken: " American Forces Network (der Sender der US-Army) brachte völlig neue Töne in die helvetischen Stuben." Und während Schüler, Buchhalter und Bauern mit Chewing Gum und Jazz fraternisierten, entdeckten die Schweizerinnen die Nylons. Die lockten mit weichem hautfarbenem Schimmer und schmiegten sich - im Gegensatz zu den handelsüblichen Strümpfen - faltenlos an jedes Bein. Kein Wunder, dass sich bald auch ein Teil unserer Mütter und Grossmütter zwecks Behändigung dieses Traumes den Soldaten der amerikanischen Armee anschmiegten. Und kein Wunder, dass ob dieser Durchmischung von Freihandel und Kulturaustausch die Amerikanisierung der Schweizer Gesellschaft in aller Stille Fortschritte machte. Die GI fuhren nach Hause, die meisten Schweizerinnen und die Nylons blieben hier. Aber die guten Beziehungen wurden weiter gepflegt. In den Fünfzigerjahren flirteten die USA erneut, aber auf Distanz, mit den Konsumentinnen und eroberten helvetische Küchen und Wohnzimmer. Die Schweiz hatte sich ideologisch klar dem freien Westen zugewandt und bei Export und Technologietransfers tüchtig vom Bollwerk der freien Welt, Amerika, profitiert. Die Wirtschaft prosperierte. Die Sorge um den Lebensunterhalt wich dem Bedürfnis nach Komfort. Die Historikerin Johanna Gisler schreibt in ihrer Dissertation " Leitbilder des Wohnens im sozialen Wandel " über die Fünfziger: " Als besonders empfänglich für den amerikanischen Lebensund Wohnstil erwies sich die Oberschicht." Aber auch die Neubau- Kleinwohnungen an der Peripherie der Städte wurden mit Einbauküchen nach amerikanischem Vorbild ausgestattet. Die Mittelstands-Hausfrauen träumten im Sommer über saurer Milch von grossen, ewig summenden, amerikanischen Kühlschränken. Die Frauenzeitschrift " Annabelle " beförderte den Trend und kitzelte die Begehrlichkeiten ihrer Leserinnen mit Reportagen über schicke US-Reisen und US-Lifestyle. Und wer sich den Flug nach New York oder Kalifornien nicht leisten konnte, katapultierte wenigstens das Sofa mit Sitzgarnitur auf den Müll und stellte eine Couch mit frei stehenden Sesseln in den Living Room. Helvetisches Interieur wurde auch in den Sechzigern von Amerika geprägt. Der Knoll-Look, Marmor, Teakholz, Chrom und wuchtiges schwarzes Leder, verdüsterte unsere Vorstandsetagen und die Salons wohlbetuchter Bürgerinnen und Bürger. Die Teenager stürzten sich auf Cola, das seit 1939 in der Schweiz abgefüllt wird, und nervten ihre Eltern mit Auftritten in hautengen Jeans. Und während die Schweizer Erziehungsberechtigten wider die Denim-Unsitte und die Konsumation amerikanischer Filme wetterten, demonstrierten die Saturierten unter ihnen ihre Distanz zur USA durch den Besitz amerikanischer Schlitten. Die Schweizerinnen, die ihr erstes Fernseherlebnis genossen, legten die Nachkriegs-Schnittmuster von Aenne Burda zum Altpapier. Sie orientierten sich am " amerikanischen " Outfit der Präsidentengattin Jacqueline Kennedy oder kopierten Hollywood- Schönheiten. Auch ihre Töchter blieben nicht unversehrt: Von Zürich bis Altdorf schüttelte Barbie ihr Blondhaar in den Regalen der Spielzeuggeschäfte. Mit höllischer Eleganz, einem unübersehbaren Busen und einem klitzekleinen Set rosaroter Carving Curlers wies die Plastik-Amerikanerin im Taschenformat unzähligen kleinen Schweizerinnen den Weg ins Land der Erwachsenen, propagierte Denver und Dallas einfach. Nachdem Amerika die helvetischen Bleiben, Dresscode und Lifestyle unserer Mädchen und Frauen besetzt hatte, arbeitete sich die US-Kultur weiter vor. Die Gärten in den Villenquartieren wurden durch einen Swimmingpool bereichert. Man traf sich nicht mehr länger zum Grillabend, sondern zum Barbecue, und die Kader der Wirtschaft tätigten ihre Geschäfte im Steak House. Und die US-Delikatessen wurden prompt demokratisiert: In den Siebziger- und Achtzigerjahren machte McDonald?s die amerikanische Esskultur für alle zugänglich. Gleichzeitig stellten die Computer, in Amerika entwickelt, die Arbeitswelt auf den Kopf und boten peu à peu Möglichkeiten zur privaten Nutzung. Amerika ging ans Netz, und praktisch alle alpenländischen Berufsgruppen zogen mit. Das Internet prägt nicht nur unsern Arbeitsalltag, es ist Bestandteil unseres Privatlebens geworden. Im Netz holen sich Zehnjährige die erste Lektion Frühenglisch, während die Politik Grundsätzliches debattiert. Im Netz werden Blind Dates ausgemacht und Surfbretter geordert. Klar, dass helvetische Kulturmenschen die totale Amerikanisierung der Freizeit befürchten. A.K. klagt am 8. August des letzten Jahres in den Leserbriefspalten der " NZZ": " Immer mehr Menschen ergeben sich nach getaner Arbeit dem teuren Spiel der wohl organisierten Selbst- und Masseninszenierung - statt über Gott und die Welt zu räsonieren, Politik zu betreiben, Bücher zu lesen oder Freundschaften zu pflegen." Eine neue Brille kaufen, A.K. We have no cola-colonization. Im Gegenteil: Es mag sein, dass sich unsere Mütter und Grossmütter die Nylons nicht immer merkantil korrekt erstanden haben. Aber die wenigsten von ihnen sind den USA anheimgefallen. Sie haben die Nylons eingeheimst, und heute steht jede Trachtenfrau und AUNS-Aktivistin in Nylons fest auf Heimatboden. Wir tragen Jeans und kaufen trotzdem bei Armani und Charles Vögele. Und Barbie hat keine einzige Schweizerin davon abgehalten, für gleiche Rechte auf die Strasse zu gehen. Wir hören Jazz und Rock und haben weder Bach noch Alphorntöne aufgegeben. In den helvetischen Kühlschränken steht die Cola neben der biologischen Milch. Wer heute Burger isst, geht am nächsten Tag an den Bratwurststand. Während ein Teil der Schweizerinnen und Schweizer in den Ferien Disneyland geniessen, erwandern sich andere ohne Imageeinbusse das Tessin. Wenn schweizerische Grosskonzerne englische Kommunikation verordnen, geht dadurch die deutsche Kultursprache noch lange nicht unter. Und wer Hast, Hektik, Ellbögeleien und den Triumph des Trivialen auf helvetischem Terrain dem grossen Bruder hinter dem grossen Teich in die Schuhe schieben will, entzieht sich feige der Realität im schweizerischen Hier und Jetzt. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich die Welt auf phänomenale Weise für breite Bevölkerungsschichten eröffnet, und vieles ist bedrohlich zugänglich, bedrohlich unsinnlich und bedrohlich schneller geworden. Die Warnerinnen und Warner, die uns zurück zu Scholle und heimischer Kultur peitschen wollen, haben durchaus ihr Pendant im " Land der unbegrenzten Möglichkeiten ". Richard Pells, Historiker an der University of Texas, erläutert in seinem Buch " Not Like Us ", wie Amerika seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges von westeuropäischer Hinwendung und Antiamerikanismus geprägt worden sei. Während die amerikanische Kultur kaum Spuren in Westeuropa setze, argumentiert Pells, werde sie nicht nur von ihren eigenen europäischen Ursprüngen eingeholt, sie werde im Innern wie im Ausland auch nach abendländischen Kriterien beurteilt. Während Richard Pells auf gesetzte Weise seine These vorlegt, verschreiben sich andere Autorinnen und Autoren ungebremster Polemik. Die Historikerin Gertrude Himmelfarb etwa verschreit unter dem Titel " One Nation, Two Cultures " die europäische Sexualmoral, sprich Promiskuität. Amerikas Erfolg beruhe darauf, argumentiert Himmelfarb, sittsamer als Europa zu sein, und warnt vehement vor dem zersetzenden Einfluss europäischer Kolonialisierung.

Text: Rosmarie Gerber
Quelle: Aus dem Bulletin der Credit Suisse


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