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So möchte jeder diesen Ball getreten haben

Die ETH feiert ihren 150. Geburtstag. Deshalb entschloss er sich, an der Sola-Stafette mitzulaufen. Als Läufer war er ein Kämpfer, als Fussballer hingegen eher ein Techniker. Der beste Techniker jedoch ist das Kleinhirn.

Er wusste, dass es sein letzter Lauf war, der letzte grosse Lauf seines Lebens, zu dem sie ihn nur aufgestellt hatten, weil der Gewinn der ganzen Sola-Stafette letztlich vom Ausgang dieser einen Etappe abhing. Er war der älteste von den angetretenen Läufern, er war älter als alle seine Gegner, und er hatte ein ruhiges gleichgültiges Gesicht: Er sah aus, als ob er keine Chance hätte. Die Läufer kamen gut ab, sie gingen schon in die Kurve, er lief mit kurzen, kraftvollen Schritten. Seine rechte Hand war geschlossen, die linke offen, er lief schwer und energisch, mit leicht auf die Seite gelegtem Kopf. Ja, es ist Lenz, dachte "Der Läufer", als er mit den Augenwinkeln die Umgebung des Seeleins im Irchel-Park wahrnahm. Siegfried Lenz, "Das Vorbild" von ihm, schrieb sogar über Fussball, beschrieb das Abschiedsspiel des Nationalspielers: Sogleich beweist er seinen Wert durch einen seiner leicht angeschnittenen Musterpässe über 40 Meter, die er nun ab morgen, zugunsten seiner Familie, nicht mehr dreschen wird. So möchte jeder diesen Ball getreten haben. Und wie ging es weiter in der Erzählung? "Was an seinem Leben deutlich gemacht werden kann, sind doch nur Als-ob-Probleme, da lässt sich kein Ernstfall finden." Seltsame Gedanken, denen er da nachhing. Irgendwo hatte er gehört: Trau keinem Gedanken, der dir im Sitzen kommt. Aber er war am Laufen, keine Frage, Schritt für Schritt. Wie lange schon? Und wie viele Gedanken waren eigentlich möglich pro Schritt? Denken, Sprechen, Fühlen, Sehen, Gehen . jede dieser Fähigkeiten, die wir tagein, tagaus ganz selbstverständlich nutzen, fordert von schätzungsweise 100 Milliarden Nervenzellen im Kopf eine Meisterleistung. Wie dies funktioniert, begriff der Läufer nicht. Das Hirn sei dynamisch, sagte jemand, baue sich ständig um, sagte er, sei einem Rechenverbund wie dem Internet vergleichbar. Die weltweit angeschlossenen Gross- und Kleinrechner entsprächen den "Zentren" und Schaltstellen des Gehirns. Sie seien zu einem diffusen, extrem dynamischen Netz verbunden und so weiter und so weiter. Die Römer hatten das Gehirn noch mit dem Heizungssystem ihrer Bäder verglichen, Descartes hielt es für eine Art hydraulische Maschine. Letztlich ist es eine Blackbox. Nach wie vor. Für die Bewegung, das Bewegungstalent, sein Ballgefühl zeichnet eine blumenkohlartige Ausstülpung an der Rückseite des Hirnstamms verantwortlich, das Kleinhirn. Es ermöglicht die Feinregulierung der Bewegungen, ist wichtig für Gleichgewicht und Bewegungslernen.

Das Kleinhirn hält nach einer Lernphase den Radfahrer in Balance, ohne dass er sich um das Gleichgewicht kümmern muss. Freihändig zu fahren brachte er allerdings nie fertig. Tröstlich . wenigstens jetzt im erkenntnisbringenden Alter: Nicht er war schuld, sondern sein Kleinhirn. "Sieh da, ein Fussballer", rief jemand am Strassenrand und riss ihn aus den Gedanken, die er ohnehin nicht recht verstand.

Dribbeln wie die Hühner in Uruguay
Die wahren Techniker im Fussball sind die . heute verpönten, weil brotloser Kunst frönenden . Dribbler. 1924 tauchen sie urplötzlich an den Olympischen Spielen in Paris auf, die Uruguayer mit ihrem Zick- Zack-Dribbling. Unablässig zaubern sie moñas auf den Rasen, Schleifen. Eine wahre Hexerei, die den Gegner, zur Salzsäure erstarrt, stehen lässt. Die Europäer haben dem allein das englische kick & rush und den schottischen Kurzpass entgegenzuhalten. Die Schweiz verliert im Final 0:3. José Leandro Andrade, die erste schwarze Perle, verrät die Zauberformel: Die Spieler trainieren die moñas, indem sie den Hühnern nachjagen, die auf ihrer Flucht s-förmige Figuren beschreiben. Das Jahr 1924 hat es in sich. Der Argentinier Césareo Onzari verwandelt in einem Freundschaftsspiel gegen den Olympiasieger einen Eckball, ohne dass ihn jemand berührt hätte. Erstmals in der Geschichte des Fussballspiels wird ein derartiges Tor geschossen, es wird "olympisches Tor" genannt. Noch heute ist es eine Rarität. Geht der Ball nach einem Corner ohne Spielerberührung ins Netz, feiern die Zuschauer das Tor mit grossem Jubel, doch glauben tun sie es nicht. Auch das akrobatische Kabinettstück des Fallrückziehers verdanken wir übrigens den Südamerikanern: 1927 gelangt "la chilena", der chilenische Trick, dank einer Spanienreise des Klubs Colo - Colo nach Europa. Heute ist die Bicicletta vor allem in Italien hoch angesehen.

Bis zum Mond wäre ein Sprint. Sozusagen
Drei Kilometer und ein bisschen, ein Klacks, wenn man bedenkt, dass die Nervenfasern des Menschen 780 000 Kilometer lang sind; andere behaupten, es seien "nur" 460 000 Kilometer, aber so oder so war er froh, dass er nicht um seine Nerven herumrennen musste. Meine Nerven! Diese Zahlen, wie sie die wohl berechneten: Milliarden elektrischer Impulse jagen unablässig durch unseren Körper, sagen sie, übermitteln dem Gehirn die von Auge, Ohr, Nase oder Haut registrierten Sinnesreize und senden Steuerimpulse an die Muskeln. In seinem Innern gab es offensichtlich einen Stau, die Impulse kamen mit Verspätung bei den Muskeln an. Kein Wunder, bei bis zu 100 Billiarden Zellen, aus denen der Körper besteht. Noch so eine Zahl. Er versuchte, sich auf die Lauftechnik zu konzentrieren, parallel geführte Arme, lange Schritte. "Die Einsamkeit des Langstreckenläufers" kam ihm in den Sinn und half ihm einige Meter weiter, Alan Sillitoe. Aber er konnte nicht aussteigen wie dieser, bei nur drei Kilometern, und, das wollte er betont haben, er war auch kein Kleinkrimineller. Alles war anders, die Strecke ging nun aufwärts.

Beim Fussballgott denken die Beine für sich selbst
Natürlich gibt es die technischen Wissenschaften von Kopfball, Tackling, Spannstoss, Flanke, Absatztrick. Aber Technik im Fussball ist das, worüber man nicht sprechen muss. Das man nicht beschreiben kann. Und es zählt zu den Gemeinheiten des Fussballs, dass immer diejenigen die Technik am besten beherrschen, die sie nie gelernt haben. Deshalb kann man der überragenden Technik Namen geben, die vor dem inneren Auge einen Film ablaufen lassen. Kaka tönt ganz anders als Georges Bregy, Garrincha anders als Berti Vogts, Maradona anders als Stéphane Grichting und, bei aller Sympathie, Ronaldinho anders als Alex Frei. Angeboren ist sie, die Technik, dachte der Läufer, der eigentlich ein Fussballer war, aber auch antrainiert. Drill. Automatisieren . Tausendmal die gleiche Übung. Aussenrist, Innenrist, Übersteiger. Wie gut er das kannte. Eigentlich hat er es ja  weit gebracht. Der Nationaltrainer sagte einmal: "Alle Achtung!" Aber zum Fussballgott reichte es ihm nie, selbst in der Challenge League nicht. Die Technik blieb eine Herausforderung. Er war kein Roberto Baggio, den Eduardo Galeano zärtlich beschreibt: Die Beine denken für sich selbst, der Fuss schiesst von ganz allein, die Augen sehen die Tore, bevor sie fallen. Wenn er die Augen kurz schloss, um den stechen den Schmerz in den Muskeln zu verdrängen, sah der Läufer allerdings auch "Tore, bevor sie fallen". Nur: Sie fallen nie. Das Kleinhirn.

Des Läufers Lohn: Die Menge jubelt ihm zu
Endlich der Zieleinlauf. Noch einmal gibt er alles. Sein letzter Lauf. Und im Gebäude der ETH tobt die Menge. Das tut ihm gut, und er merkt nicht, dass der Jubel dem Professor gilt, der ebenfalls ins Ziel einläuft. Von hinten aufschliessend. Der Lautsprecher ruft: Nummer 285 auf Rang 302. Er sinkt zusammen, jemand reicht ihm eine Decke und Trost. Macht nichts, Teilnehmen ist wichtiger als Siegen. Mit letzter Kraft denkt er: Ich bin Fussballer. FC Niederpoops gegen FC Oberpoops. Das war mein Spiel. Den Gegner "getunnelt" und zweihundert schauen zu. Das ist mein Spiel. Die Poesie des Fussballs kann niemals sterben. Niemals

Text: Andreas Schiendorfer

Quelle: Aus dem Bulletin der Credit Suisse


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