Tabu Traditionsbruch
Wer Traditionen missachtet, beschleunigt den Wandel; doch das tut niemand ungestraft.
Es war eine ganz einfache, aber gepflegte, weiss gestrichene Holzkirche im typisch neuenglischen Stil, in der Estelle und Hannes heirateten. Und obschon die Festgemeinde nur aus dem "Town Clerk" des kleinen Dorfes in Vermont und dem Traupaar aus der Schweiz bestand, gab sich der Pfarrer grösste Mühe, die Feier würdevoll zu gestalten. Dabei hatte ihn Estelle kurz vor der Zeremonie noch verärgert, weil sie im Ehegelübde das "...bis der Tode euch scheidet" herausstreichen wollte. Eine kirchliche Trauung hatten die beiden allerdings gar nicht vorgesehen. Doch der Reihe nach: Estelle und Hannes waren seit langem ein Liebespaar, zögerten aber, diese Liebe in einer Institution festzuschreiben und so möglicherweise zu ersticken. Doch auf einer Ferienreise durch Neuengland kam das Thema Heiraten dann doch nochmals auf - und wurde in einem Moment grosser Emotionalität mit Ja beantwortet. Und nun wirkte der Zufall als Beschleuniger. Als sie nämlich im nächsten Dorf tankten, sahen sie auf der anderen Strassenseite ein Schild mit der Aufschrift "Town Clerk". "Kann man hier eine Heirat beantragen?", fragte Estelle schüchtern. Darauf der angegraute Beamte: "Baby, you are in the right place!"
Die betrogene Mutter
Weil die beiden niemanden in Vermont kannten, aber zwei Trauzeugen brauchten, organisierte der freundliche Gemeindeschreiber, der sich netterweise zur Verfügung stellte, auch noch den Pfarrer seiner Basiskirche, was dieser, ganz pfarrherrlich, so deutete, dass die beiden auch eine kirchliche Trauung wünschten. Wieder in der Schweiz stellte Estelle fest - sie war alleine zurückgereist, während Hannes noch seine Nachdiplomstudien in den Staaten beendete -, dass ihre Spontanheirat nicht alle gleichermassen begrüssten. Estelles Mutter verfiel gar in eine tiefe Depression und warf ihrer Tochter vor, sie nicht nur um einen grossen Tag, sondern auch um die "Hohe Zeit" vor der Hochzeit betrogen zu haben: "So etwas macht man nur in ganz schäbigen Familien!" Mit dieser Erfahrung ist Estelle nicht alleine. Traditionen brechen, schafft Irritationen, ob das nun das private oder das öffentliche Leben betrifft. Denn nichts Bequemeres, als sich auf Traditionen zu berufen; Traditionen als Weitergabe von Sitten, Bräuchen und Konventionen. Weitertragen von Althergebrachtem erfordert keinerlei Legitimation und entbindet von jeglicher Denkarbeit: Weil es immer so war, muss es immer so bleiben. Der Traditionsbruch und die Ablehnung der damit verbundenen Rituale ist deshalb oft auch ein Tabubruch - und der wiegt schwer. Estelle konnte den Schaden in der Familie erst wieder reparieren, als sie die Taufe ihres Sohnes wie ein traditionelles Hochzeitsfest zelebrierte. Dass man mit Traditionen nicht ungestraft bricht, haben in der Geschichte vor allem jene Frauen gespürt, die mit alten Männertraditionen aufräumen wollten. Allen voran die Vorkämpferinnen der Frauenrechte, die die Vorherrschaft der Männer in Politik und Arbeitswelt anfochten. Ihnen ist Ungeheuerliches widerfahren, viele sind daran zerbrochen. Emilie Kempin-Spyri (1853-1901) etwa, die weltweit erste Juristin, musste zwölf Jahre nach ihrem hervorragenden Studienabschluss ("summa cum laude") um die Stelle einer Dienstmagd betteln, weil es ihr verunmöglicht wurde, als Juristin zu arbeiten. Frauen seien als solche in der Berufswelt nicht vorgesehen, wurde ihr wiederholt beschieden. Und das Bundesgericht in Lausanne, an das sie sich in ihrer Verzweiflung wandte, hielt 1887 fest: "Wenn nun die Rekurrentin zunächst auf Art. 4 der Bundesverfassung ("Alle Schweizer sind vor dem Gesetze gleich", Anm. d. Red.) abstellt und aus diesem Artikel scheint folgern zu wollen, die Bundesverfassung postulire die volle rechtliche Gleichstellung der Geschlechter auf dem Gebiete des gesamten öffentlichen und Privatrechts, so ist diese Auffassung eben so neu als kühn; sie kann aber nicht gebilligt werden." Nicht viel besser ist es Iris von Roten (1917-1990) ergangen, die rund siebzig Jahre später gegen die Männervorherrschaft rebellierte. Sie forderte nicht nur das Recht, als Anwältin tätig sein zu können, sie wollte zusätzlich eine ganze Reihe von politischen und gesellschaftlichen Frauenrechten durchsetzen. In ihrem umfangreichen Emanzipationswerk "Frauen im Laufgitter " (1958) zeigte sie auf, wie die Frauen hierzulande, weil es die Sitten und Bräuche angeblich so wollten, dazu verdammt waren, ein ziemlich kümmerliches Leben zu führen: "Wilde Abenteuer, lockende Ferne, tolle Kraftproben, Unabhängigkeit, Freiheit, das schäumende Leben schlechthin, schien in Tat, Wort und Schrift den Männern vorbehalten zu sein. Für die heranwachsenden Mädchen aber sah es aus, als ob sie bei Stricken, Kochen und Putzen und in Gesellschaft von quengelnden Säuglingen eine Art zweiter Kindheit von bodenloser Langeweile zu erwarten hätten. Da trat an Stelle des Vaters einfach ein Ehemann, der ebenfalls befehlen konnte, weil er bezahlte."
Männliches Machtmonopol gefährdet
Das war starker Tobak für die Schweizer Männer. Iris von Rotens gleichermassen brillante wie radikale Abrechnung mit dem herrschenden Männerkollektiv brüskierte selbst jene, die ihr grundsätzlich nahe standen. Denn sie zeichnete das Patriarchalische, das alle Lebensbereiche der Gesellschaft durchdrang, so minutiös und für ihre Zeit so ungewöhnlich klarsichtig nach, dass damals übliche Redensarten wie "Wenn wir nur schön zusammenspannen? " als naives Geschwätz entlarvt wurden. Für die Frauen hiess das: Ihre Lebenslüge war in Gefahr. Und für die Männer: Ihr Machtmonopol wurde in Frage gestellt. Kein Wunder, dass von beiden Seiten blindwütig geschossen wurde. Erstaunlich war nur das Ausmass dieser Blindwütigkeit. Die Buchrezensionen reichten von bösartigen Unterstellungen bis hin zu überspannten Verrissen, die sich im Nachhinein so lesen, als sei gar nicht von "Frauen im Laufgitter" die Rede, sondern von einem Pornobuch oder einer Anleitung zum Männergenozid. Erst viele Jahre später, 1991, ist "Frauen im Laufgitter" neu aufgelegt worden - und wurde sofort zu einem Bestseller. Denn in den Neunzigerjahren war die Zeit reif für Frauenanliegen. In der Tat sind viele Forderungen, die Iris von Roten in den Fünfzigern aufstellte und die damals als anmassende Attacken auf Männervorrechte galten, in der Zwischenzeit längst erfüllt. Iris von Roten hat ihre Rehabilitierung und den Grosserfolg ihres Werks nicht mehr erlebt. Genauso wenig wie ihr Mann, Peter von Roten, der ihren Erfolg jedoch vorhersah: "Dein Buch wird noch in 2000 Jahren gelesen. Aber ich sage das nicht unüberlegt, sondern im Ernst ? ein für seine Zeit bahnbrechendes Werk wie die Bücher des Kopernikus oder des Keppler." Doch selbst Polittraditionen sind nichts Statisches. In den vergangenen Jahren jedenfalls hat - und da sind die mutigen Vorkämpferinnen wohl nicht ganz unschuldig - eine wohltuende Öffnung stattgefunden. Selbst die sakrosankten Institutionen unseres Staatskörpers dürfen heute einer Leibesvisitation unterzogen werden, ohne dass der Urheber der Kritik gleich geköpft wird. Das hat sich unlängst bei der Auseinandersetzung mit Walter Wittmanns neustem OEuvre "Direkte Demokratie ? Bremsklotz der Revitalisierung" gezeigt. Sicher, es gab die blasierten Stimmen, die nur abwiegelten, aber es gab auch eine intelligente Debatte über die bedenkenswerten Punkte inWittmanns Polemik. Ähnliches gilt für den Diskurs über die schweizerische Neutralität oder die nicht mehr ganz so heilige Zauberformel.
Erst kaltgestellt, dann gefeiert
Eine vergleichbare Öffnung ist derzeit auch in der Schweizer Wirtschaft zu beobachten. Wer nicht zum Establishment gehört, nicht in einer traditionellen Männerbündelei verankert ist, hat zwar nach wie vor einen schweren Stand, findet seltener Gehör und bleibt, auch wenn er finanziell erfolgreich ist, ein Aussenseiter - jüngstes Beispiel ist der Financier René Braginsky -, doch derzeit wird mit vielen Traditionen gebrochen. Dazu gehört das grosse Schweigen rund um die Löhne, das über Generationen in der Schweizer Arbeitswelt zu den Konventionen zählte, die man nicht antasten durfte. Sei es unter dem Druck der Globalisierung oder neuer Gesetzgebungen, Tatsache ist, dass die Extreme an beiden Enden, die schamlos hohen und die schäbig tiefen Gehälter, im Moment kritisch hinterfragt werden. Noch immer recht rigide funktioniert der Wissenschaftsbetrieb. Forscher, die sich nicht an die gängigen Thesen halten und mit bewährten Forschungstraditionen brechen, werden erst einmal kaltgestellt. Das ist jedoch keineswegs nur ein schweizerisches Phänomen. "Die Wissenschaft reagiert nicht sehr flexibel auf neue Erkenntnisse", sagt Udo Pollmer, Lebensmittelchemiker und einer der profiliertesten Wissenschaftskritiker Deutschlands, "auf diese Weise bremst sie den Fortschritt eher, als dass sie ihn vorantreibt." Er selber erlebt das momentan in der BSEForschung, die unbequeme Erkenntnisse "einfach unterschlägt". Und so sei es kein Wunder, dass der "Fortschritt schon immer von Leuten gekommen ist, die nicht zum System gehört haben": von Galileo Galilei über Charles Darwin bis Albert Einstein oder Werner Forssmann. Letzterer hatte bahnbrechende neue Methoden der Behandlung von Herzkrankheiten aufgezeigt, die bei den arrivierten Wissenschaftern erst nur Kopfschütteln auslösten. "Mit solchen Kunststücken habilitiert man sich im Zirkus und nicht an einer anständigen Klinik", beschied ihm Kollege Ferdinand Sauerbruch. 1956 wurde Forssmann für seine Verdienste mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet. Für eine vitale Schweiz braucht es deshalb nicht nur aufgeschlossene Traditionalisten, sondern auch mutige Traditionsbrecher. Sie sorgen dafür, dass nicht jene gefährliche Behaglichkeit aufkommt, die so oft in Selbstgefälligkeit und Stagnation mündet.
Text: Karin Burkhard
Quelle: Aus dem Bulletin der Credit Suisse