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Verehrt, Vergessen, Verlassen

Der Westen vergöttert die Jungen und verteufelt die Alten. Im Westen werden Menschen alt, in anderen Kulturen weise.

"Wenn in Afrika ein Greis stirbt, verbrennt eine Bibliothek ", besagt ein afrikanisches Sprichwort. Das weiss auch Hamady Lam aus dem Senegal: " Alte Menschen sind Gold wert. Für uns sind Grosseltern wie ein Buch. Es enthält unsere Geschichte und Kultur. Darin ist Weisheit, Liebe, Mitleid, Erfahrung." Da alte Menschen viel mehr Erfahrung haben als junge, können und sollen sie den Jüngeren Ratschläge erteilen. Hamady Lam hatte eine sehr innige Beziehung zu seiner Grossmutter, die ihn praktisch aufzog. Ihr stand er sogar viel näher als seiner leiblichen Mutter. Grosseltern, findet er, " sind wie grosse Bäume, voller Äste, Blätter und Blumen. Wenn du hinaufsteigst, dann siehst du alles. Wenn es sehr heiss ist, kannst du in ihrem Schatten sitzen, du kannst dich hinter ihnen verstecken, sie beschützen dich." Erfahrung und Lebensweisheit alter Menschen sind nicht länger gefragt in unserer Gesellschaft. Vielmehr stellt man alte Menschen gerne als Problem dar: Sie arbeiten nicht mehr, sind unproduktiv und verursachen Kosten, welche die jüngeren Generationen zu tragen haben. Und je älter sie werden, desto mehr führen sie den Jüngeren das Lebensende vor Augen. Und das ist schwer verdaubar, denn Tod und Verfall sind tabu in einer Gesellschaft, die dem Jugendwahn verfallen ist. Wenn man sich mit der Stellung der Alten in anderen Kulturen beschäftigt und meint, anderswo hätten alte Menschen ein besseres Los, so ist das sicher auch ein Ausdruck der Enttäuschung darüber, wie alte Menschen in unserem Kulturkreis unter Ausgrenzung zu leiden haben. " Es ist ein uraltes Phänomen, dass man die grossen Ängste und Sehnsüchte am Fremden festmacht. Das führt einerseits zu Fremdenfeindlichkeit und andererseits zur Idealisierung des Fremden", meint Verena Tobler, Ethnologin und Dozentin an der Hochschule für Soziale Arbeit in Zürich. Tobler nennt dieses Phänomen das "Grass-Is-Greener-Syndrom", die Vorstellung also, das Gras sei grüner auf Nachbars Wiese, anderswo sei alles besser. Es wäre naiv, zu meinen, in der Vergangenheit sei in unserer Gesellschaft alles besser gewesen: Die Alten wurden früher keineswegs nur geachtet, geehrt und gehätschelt, wie es heute gerne dargestellt wird. Aber, so Verena Tobler, " sie standen in einer Welt, in der sie persönlich eine grössere Bedeutung hatten, als das heute der Fall ist ". In einer Gesellschaft, wo Prestige vorwiegend mit materiellem Besitz verbunden wird und nicht unbedingt mit fortschreitendem Alter und Lebenserfahrung, haben alte Menschen, die nicht mehr am Erwerbsleben teilnehmen, zunehmend einen schweren Stand. " Ehre deinen Vater und deine Mutter ": Dieses biblische Gebot steht heute nicht mehr im Vordergrund in einer Gesellschaft, in der die Generationen ihren eigenen Interessen nachgehen und vielfach voneinander getrennte Leben führen. In einfachen Kleingesellschaften, wie sie in Afrika noch heute anzutreffen sind, haben alte Menschen generell noch einen höheren Status, denn sie erfüllen wichtige soziale Rollen.

Ohne Alte geht nichts


Afrika gilt als der Kontinent, wo alte Menschen, und insbesondere alte Männer, mehr als irgendwo sonst respektiert und geschätzt werden. Verena Tobler arbeitete lange für die UNO und verschiedene internationale Hilfswerke. Während ihrer Arbeit hat Verena Tobler den Alltag alter Menschen in Afrika beobachten können: "Im ländlichen Kamerun ist es der Älteste, der das Land verteilt. In vielen Dörfern haben die Alten noch das Sagen, als Würdenträger machen sie Beratungen, übernehmen Steuerungsfunktionen religiöser, wirtschaftlicher und sozialer Art." Zwischen Westafrika und Europa liegen Tausende von Kilometern und unzählige kulturelle Unterschiede. Hamady Lam lebt seit fünf Jahren in der Schweiz und ist mit einer Schweizerin verheiratet. Er hat Mühe damit, wie manche Schweizer mit älteren Menschen umgehen. In seiner Heimat ist es selbstverständlich, dass in einer Familie verschiedene Generationen miteinander leben. Schockierend an der Schweiz findet er, dass viele alte Menschen in Altersheimen leben: "Wenn man einen Alten ins Altersheim steckt, weil man keine Zeit für ihn hat, bringt man ihn um. Alte Leute sind doch keine Tiere, die man einsperrt. Sogar mit Hunden geht man in der Stadt spazieren." Der Zerfall von traditionellen Werten, den Hamady Lam anprangert, hat aber als Folge der Modernisierung auch in Afrika Fuss gefasst. Problematisch ist dies vor allem, weil die Altersvorsorge vielerorts noch auf dem Ineinandergreifen der Generationen basiert: Erst sorgen die Eltern für die Kinder, später kümmern sich die Kinder um die alten Eltern. Die Mehrheit der alten Menschen der Weltbevölkerung kann nicht auf eine institutionalisierte Altersversorgung wie die AHV zurückgreifen und ist daher auf Kinder angewiesen, die sie unterstützen. Und das funktioniert auch noch meistens. Es kann aber durchaus auch geschehen, dass junge Leute in die Städte abwandern und die Alten  zurücklassen. Wenn dann keine Auffangstruktur vorhanden ist, sind die Folgen fatal: " In Kamerun erlebte ich, wie alte Leute nur noch von den Priestern gefüttert wurden, weil die Jungen in die Stadt abwanderten und sich nicht mehr um die Alten kümmerten " erzählt Verena Tobler. Sie weist aber darauf hin, dass solches Verhalten von der Gesellschaft extrem missbilligt werde und daher eher selten sei. Altersarmut und Vernachlässigung von alten Menschen ist aber auch in Europa ein nicht zu unterschätzendes soziales Problem. Die deutsche Ethnologin Dorle Dracklé beschreibt in ihrem Buch " Alt und zahm ?" die Ergebnisse ihrer Feldforschung im Alentejo in Südportugal, einer der ärmsten Gegenden Europas.

Selbstmord ist besser als Armut

Bis vor kurzem gab es dort keine staatliche Fürsorge für ältere Menschen. Vor der Einführung des Rentensystems mussten sich die Landarbeiter, deren Arbeitskraft nachliess, vielfach mit Betteln durchschlagen. "Man hat auf dem Land gearbeitet, bis einen das Alter dazu zwang, die Hacke gegen den Bettelsack zu tauschen " beschreibt Vitorino, ein Nachbar der Ethnologin im Alentejo, die Situation alter Menschen auf dem Land. Der Alentejo weist eine erschreckend hohe Selbstmordrate unter alten Menschen aus. Viele alte Leute können sich nicht damit abfinden, nach lebenslanger harter Arbeit und Autonomie von ihren Kindern abhängig zu werden und ziehen einen Selbstmord einem Leben in Abhängigkeit und Armut vor. Ähnlich düstere Szenarien sind auch aus China bekannt. Im Konfuzianismus hat das Alter einen hohen Stellenwert. Wie die Frau dem Mann, der Ungebildete dem Gebildeten, ist der Jüngere dem Älteren untergeordnet. Im Alter geniessen die Chinesen im Idealfall eine gehobene und gesicherte Stellung. Ehrerbietung drückt man auch dadurch aus, dass man dem Namen " lao ", " alt " beifügt. Mit der Gründung der Volksrepublik China jedoch war die staatliche Institutionalisierung des Konfuzianismus zu Ende, Ahnenverehrung und Ahnenkult verloren zunehmend an Bedeutung.

Städte sichern Komfort

In den Städten Chinas haben es alte Menschen generell besser als auf dem Land. Dort werden alte Menschen manchmal im Stich gelassen, wenn die Jungen ihr Glück in der Stadt suchen. Ähnlich wie der Alentejo weist auch das ländliche China eine relativ hohe Altersselbstmordrate auf. Mit der Einführung der Ein-Kind-Familie haben zudem lange nicht mehr alle alten Menschen die Gewissheit, dereinst von ihren Kindern versorgt zu werden. Das System der Ein-Kind-Familie hat zwar dazu beigetragen, die Bevölkerungsexplosion einzudämmen, gleichzeitig schafft es aber auch neue soziale Probleme. Die japanische Gesellschaft hingegen ist auch im dritten Jahrtausend noch sehr traditionsverbunden. Jahrhundertealte Traditionen werden immer noch beachtet, im letzten Jahrhundert kamen sogar noch neue hinzu. So wurde 1966 der " Kairo no hi " der Tag der Altenverehrung, eingeführt. An diesem Tag werden alte Menschen für ihren Beitrag zum wirtschaftlichen Aufbau des Landes öffentlich geehrt und beschenkt. Zudem werden Langlebigkeitsfeiern zum 60., 70., 77. und 88. Geburtstag veranstaltet. Immer noch weit verbreitet ist das Zusammenleben von mehreren Generationen in einem Haushalt, auch wenn der Trend zur Kernfamilie zunimmt.

Japans Kinder opfern sich auf

Viele japanische Kinder sind bereit, ihre Eltern im Alter zu versorgen, vielleicht auch deswegen, weil dasjenige Kind, das die Eltern versorgt, einmal das Haus oder das Grundstück erben wird. Und das ist in Japan, wo Wohnraum ein knappes Gut ist, durchaus erstrebenswert. Für westliche Gemüter eher skurril mutet das traditionelle Konzept der kindlichen Pietät an. Generationen von Japanern sind mit dem Vorbild der 24 Beispiele kindlicher Pietät aufgewachsen. Es sind Geschichten von pietätvollen Söhnen, die sich mitten im Winter auf das Eis eines gefrorenen Flusses werfen, um es zum Schmelzen zu bringen, damit sie ihrer geliebten Mutter ihre Lieblingsspeise, Karpfen, fangen können. Oder man erzählt von Söhnen, die die Exkremente ihres Vaters kosten, um jede Veränderung seines Gesundheitszustandes verfolgen zu können. Als leuchtende Beispiele galten auch Schwiegertöchter, die ihre zahnlose Schwiegermutter stillen, um ihr die Nahrungsaufnahme zu erleichtern.

Text: Ruth Hafen
Quelle: Aus dem Bulletin der Credit Suisse


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