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Wir eilen, also sind wir

Schneller, höher, weiter: Die Menschheit ist dem Tempowahn verfallen - auf Gedeih und Verderb.

"Wenn ich nicht binnen 24 Stunden zurückrufe, verkaufen die prompt unsere Aktie, und der Kurs bricht ein ", beklagt sich der Finanzvorstand eines deutschen Konzerns beim "Manager Magazin" über die Geschwindigkeitsansprüche von Börsenanalysten und Fondsmanagern. Beschleunigung ist angesagt in der New Economy. Und die vergleichsweise träge Old Economy soll der rasanten Geschwindigkeit der Finanzmärkte folgen. Schon kursiert der Begriff der "Speed Economy". Gemeint ist damit ein gigantisches Labor, wo nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum öfter mal etwas Neues ausprobiert wird. Hauptsache, es geht schnell. Während in Europa noch das Geschäftsjahr die Masseinheit ist, hetzen die USA schon lange von Quartal zu Quartal. Im Silicon Valley ansässige Risikokapital- Firmen verkürzen die Zeitspanne, in der die von ihnen finanzierten Firmen an die Börse gelangen. Wenige Monate müssen reichen von der Idee bis zum Börsengang. Europa übernimmt die Geschwindigkeitsvorgaben: Das deutsche Online-Auktionshaus "Alando" wurde innerhalb von nur zehn Monaten gegründet, an die Börse gebracht und an das amerikanische Vorbild eBay weiterverkauft. Die Gründer mutierten über Nacht zu Millionären. Viele Dotcom-Firmen verschwinden aber genauso schnell wieder vom Markt, wie sie aufgetaucht sind. Experten schätzen, dass rund 80 Prozent aller Techno-Startups pleite gehen werden. Dotcoms verwandeln sich in Kapitalvernichtungsmaschinen. Im Jahr 2000 wurden an der US-Technologiebörse Nasdaq über 700 Unternehmen vor die Tür gestellt. Auch die Schweiz weist mit Fantastic Corporation, Miracle und Complet-e prominente Beispiele für superschnellen Aufstieg und rasanten Fall vor. Fantastic Corporation, ein Zuger Software-Hersteller für Breitbandübertragung, Garant für Höchstgeschwindigkeit im Internet, legte vor knapp anderthalb Jahren einen fulminanten Börsenstart am Frankfurter Neuen Markt hin. Innerhalb von nur fünf Monaten hatten sich die Aktienpreise verzehnfacht. Heute ist das Unternehmen nicht einmal mehr halb so viel wert wie bei der Markteinführung. "Der Markt hat sich einfach nicht so schnell entwickelt, wie wir erwartet hatten", beklagt sich Fantastic-Pressesprecher Jürgen Bollag bei der "Berner Zeitung". CEO Reto Braun kommentiert in einer Pressemitteilung: "Der Entwicklungsprozess für den Breitbandmarkt dauert länger als erwartet." Fazit: Ende 2000 musste mit 100 Mitarbeitern etwa ein Drittel der Belegschaft entlassen werden. Internet ist die grosse Tempomaschine unserer Zeit. Jeff Bezos, Gründer von Amazon.com, vergleicht es mit der kambrischen Explosion vor 550 Millionen Jahren, als der Sprung vom Einzeller zum Vielzeller gelang. Die Geschwindigkeit, mit der sich das Internet zu einem weltumspannenden Medium entwickelt hat, sucht ihresgleichen: 55 Jahre dauerte es, bis 50 Millionen Menschen das Telefon nutzten, das Fernsehen benötigte dazu 13 Jahre, und das Internet schaffte es in nur drei Jahren. Heute tummeln sich über 200 Millionen im Netz. Jeden Tag kommen 20 000 neue Benutzer hinzu. Stündlich erscheinen rund 62 500 neue Websites, täglich werden drei Milliarden E-Mails verschickt. Es herrscht ein so absurdes Tempo vor, dass sich ein Internetfachblatt vorsorglich den Untertitel "Offizielle Nachrichtenquelle für die nächsten fünf Minuten" gegeben hat. Anleger in Internet-Werte lieben hohes Tempo: Untersuchungen haben gezeigt, dass ein Aktionär von Amazon sein Papier durchschnittlich sieben Tage hält, ein Aktionär von Coca-Cola hingegen 26,4 Monate.

Geschwindigkeit kommt vor Qualität

Das hohe Tempo, das die New Economy vorlegt, überträgt sich auch auf die trägere Old Economy. " Mittlerweile hat die Epidemie des Zeitwettbewerbs auf so viele Branchen übergegriffen und eine solche Dynamik erreicht, dass Zeit bzw. Geschwindigkeit neben den klassischen Differenzierungsinstrumenten, dem Preis und der Qualität, von vielen nicht nur als gleichberechtigt angesehen wird, sondern oft als die im Moment wichtigste Quelle zur Gewinnung von Konkurrenzvorteilen bezeichnet wird ", stellt Klaus Backhaus, Betriebswirtschaftsprofessor an der Universität Münster, in seinem Artikel " Epidemie des Zeitwettbewerbs" fest. Immer mehr herkömmliche Unternehmen nutzen die Geschwindigkeit des Internet, um im Wettbewerb mithalten zu können.

Verlangsamungskartelle gefordert

Auch die Banken setzen auf die Geschwindigkeit im täglichen Kampf um die Kundschaft. Markus Simon, Leiter Webservices der Credit Suisse e-Business: " Die Credit Suisse hat den Ruf, dynamisch und innovativ zu sein. Da können wir es uns nicht leisten, mit der Entwicklung von E-Business-Produkten ins Hintertreffen zu geraten." Die Schnelligkeit im E-Business habe auch positive Effekte auf das normale Bankgeschäft gehabt; man habe gelernt, Projekt- und Prozesszeiten massiv zu verkürzen. Internet schafft Transparenz, und Transparenz schafft Erwartungsdruck. "In der ?gläsernen Bank? wurde es plötzlich interessant, mit EBusiness- Projekten schneller zu sein als die Konkurrenz ", sagt Simon, räumt aber auch ein, dass "die Branche sich selbst ein Tempodiktat auferlegt hat, dem sie heute gar nicht mehr gewachsen ist ". Martin Massow warnt in seinem Buch "Gute Arbeit braucht ihre Zeit ": "Die Computer- und Softwarebranche sind dabei, sich aus der ökonomischen Überlebensfähigkeit herauszubeschleunigen". Klaus Backhaus geht einen Schritt weiter und schlägt die Gründung von Verlangsamungskartellen vor, in denen sich "die in der Beschleunigungsfalle Gefangenen absprechen, gemeinsam das Tempo zu drosseln". So könne eine Gruppe von Unternehmen die nötige Marktmacht aufbringen, um die Beschleunigungsspirale zu durchbrechen. Der Wirtschafts- und Sozialpädagoge Karlheinz A. Geissler wiederum schlägt einen Mittelweg ein und plädiert für die "temporale Vielfalt", denn nur sie sichere die " notwendige Elastizität und Stabilität von ökonomischen, ökologischen und sozialen Systemen ". Im Gegenzug zu den Tempoholikern, die sich der Dalli-Dalli-Dynamik an die Brust werfen, entsteht eine neue Spezies: die Langsamkeitsfanatiker. Trotzig wird von Slowfood-Clubs und Entschleunigungsvereinen die neue Langsamkeit propagiert, die der tempoverwüsteten Gesellschaft das Heil zurückbringen soll. Wo Tempokritiker sich äussern, sind auch Gegner der Entschleunigungsbewegung nicht weit. Peter Glotz, Leiter des Instituts für Medien- und Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen, sieht diese Bewegung als eine "aggressive Ideologie einer gerade in der Entstehung befindlichen, rapide wachsenden Klasse von Modernisierungsopfern". Das Zusammenleben von Beschleunigern und Entschleunigern in einer Gesellschaft müsse höchst umsichtig organisiert werden, um einen Kulturkampf zu verhindern. Und: "Der generelle Verdacht gegen Geschwindigkeit, Effizienz, Wachstum wäre so dogmatisch wie der generelle Verdacht des Sozialismus gegen Privateigentum, Elite und Profit." Während sich Experten Argumente für und wider hohes Tempo in Wirtschaft und Gesellschaft um die Köpfe schlagen, lebt die industrialisierte Menschheit mehr oder weniger glücklich ein beschleunigtes Leben. Neben aller modernen Technologie - von der Mikrowelle über die Fernbedienung zum Mobiltelefon - sind die neuen Medien die grossen Tempomacher. 1997 führte Sun Microsystems eine Studie über das Leseverhalten der Internetnutzer durch und fand Erstaunliches heraus. Die Leute lesen nicht. Sie scannen Texte, picken einzelne Wörter und Sätze heraus. Es muss schnell gehen, denn die Informationsflut ist überwältigend; alle 20 Monate verdoppelt sie sich. Der Trend zum Diagonal-Schnelllesen nimmt zu, ganz Eilige üben sich im Schwerpunktlesen. Die Medien passen sich gezwungenermassen dem immer höheren Tempo, das sie selbst mit auslösen, an. Sogar die New York Times lässt sich herab und buhlt mit neuem Layout und besserer Leserführung um die Gunst der Schnellleser. Dasselbe in den elektronischen Medien: Hatte vor 20 Jahren ein durchschnittlicher Nachrichtenbeitrag eine Länge von fünf Minuten, quetscht man die News heute in die Neunzig-Sekunden- Form. MTV propagiert das Dreiminuten- Musikvideo, vorbei die Zeiten, als ein Rocksong noch volle 20 Minuten dauerte.

 

Sind schnelle Menschen glücklicher?

Schon 1946 machte sich Groucho Marx über den Beschleunigungswahn lustig. "Mehr Tempo", verordnete er als Hoteldirektor im Film "A Night in Casablanca": "Mehr Tempo. Die Vier-Minuten-Eier werden in drei Minuten gekocht, die Drei Minuten-Eier in zwei, und wer ein Zwei- Minuten-Ei verlangt, bekommt das Huhn." Schon fast hellseherisch. Ein amerikanischer Verleger propagierte 1983 die "Ein-Minuten-Gutenachtgeschichten", damit gehetzte Eltern beim abendlichen Ritual nicht zu viel Zeit verlieren. Das Konzept hatte riesigen Erfolg, und es folgten unzählige weitere solcher Zeit sparender Kürzestgeschichten. Die Zapping-Kultur macht sich breit, der Tempoholiker ist am glücklichsten, wenn er sieben Dinge aufs Mal erledigen kann. Nicht einmal die Kirche kann sich dem Tempowahn entziehen. So soll es schon "besinnliche Zehnminuten-Andachten " geben, und in Verbier im Kanton Wallis bietet ein katholischer Priester Kurzandachten auf der Skipiste an. Schliesslich muss in all dem Freizeitstress auch noch für das Seelenheil gesorgt werden. Aber schnell, bitte. Ob der Mensch überhaupt gemacht ist für ein so hohes Tempo, darüber herrscht Uneinigkeit. Dass der Umgang mit Geschwindigkeit aber gelernt werden kann, beweisen die heutigen Kinder und Jugendlichen. Sie entwickeln Fähigkeiten, die ihren Altersgenossen vor dreissig Jahren noch abgingen. Gesteigertes Reaktionsvermögen, schnellere Auffassungsgabe, Schlagfertigkeit, flexibles Denken werden nicht zuletzt durch den frühen Umgang mit Computern und elektronischen Medien gefördert. Das führe aber zu einer ungesunden "Subito-Mentalität", warnen Psychologen. Sie befürchten die Entwicklung einer neuen Spezies: schnellere, aber seichtere Menschen, denen die Fähigkeit für langsame, aber tiefe Erfahrungen abgeht. Dass ein hohes Lebenstempo, wie es in Wirtschaftsmetropolen vorherrscht, einen direkten Einfluss auf das Wohlbefinden hat, glaubt der amerikanische Sozialpsychologe Robert Levine in seinen Zeitstudien herausgefunden zu haben: "Bei allen Untersuchungen zum Lebenstempo bestand bei Menschen an schnelleren Orten eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass sie mit ihrem Leben zufrieden waren." Macht Tempo doch glücklich ? Fest steht, dass sich niemand dem Phänomen Geschwindigkeit entziehen kann. Wesentlich ist vor allem die Frage, ob der Mensch das Tempo selbst bestimmt, oder ob er ihm hilflos ausgeliefert ist.

Text: Rut Hafen
Quelle: Bulletin der Credit Suisse


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